Das andere Haus

Zwischenräume

Das andere Haus ist kein normales Haus, sondern ein durchlässiges Sein. Er stellt sich ein, sobald man aufhört, sich selbst für eindeutig zu halten. Das andere Haus liegt nicht außerhalb der Welt, sondern mitten in ihr, an einer Stelle allerdings, an der man gewöhnlich nach etwas Normalem sucht. Vielleicht übersieht man es deshalb. Man kommt dort nicht richtig an und geht auch nicht richtig weg. Das andere Haus lässt sich bewohnen, aber nicht sichern. Es eignet sich für Menschen, die ihr Leben nicht abschließen möchten. Man lernt in ihm anders zu leben.

Reisen gehören zu diesem Leben, nicht als Bewegung von Ort zu Ort, sondern als Zustand. Man ist unterwegs und merkt, dass sich das Ich dabei verdünnt. Fremde Orte, ungewohnte Wörter, andere Rhythmen lockern das Selbstverständnis, das man mit sich herumträgt. Das Ich beginnt, sich selbst beim Tun zuzusehen – ein wenig irritiert, ein wenig amüsiert. Das Sein wird unsicher und wenn es sich dafür interessiert, entsteht ein Zwischenraum.

Die andere Welt ist keine Utopie, sondern eine Parallelität. Sie ist da, während man etwas anderes tut. Heisenberg und Bohr hätten gesagt: Sie liegt zwischen den genauen Bestimmungen. Benjamin sprach vom kleinen Sprung. Gemeint ist kein heroischer Akt, sondern eine minimale Verschiebung der Aufmerksamkeit. Plötzlich bemerkt man, dass Verbindung durch Kreuzungen entsteht: vorne und hinten, oben und unten, Nähe und Abstand. Man gehört zueinander, ohne sich zu verschmelzen.

Es gibt Häuser der Trennung und Häuser der Verbindung. Letztere erkennt man oft erst im Nachhinein, an ihrer Aura. Vielleicht an einem Garten, der nicht ganz ordentlich ist, oder an einem Holzhaus auf Stelzen, das zwischen Erde und Himmel steht und nichts behauptet. Solche Orte tragen Spuren eines gelungenen Zusammenspiels von Mensch und Natur; eine Aura entsteht. Adorno hätte gesagt: Man erkennt daran das Vergessene Menschliche am Ding.

Das andere Leben entsteht nicht durch Rückkehr. Es gibt kein Zurück zu kindlichen Zuständen, zu handwerklicher Unschuld oder zu einer Natur, die auf uns wartet. Der romantische Wunsch nach Rückgängigkeit ist verständlich, aber irreführend. Was existiert, ist das Nebenher: eine Welt aus Spielräumen, Untergründen, kleinen Abweichungen. Dort sind Sinnlichkeit, Sorge, Freundschaft und Zufall noch nicht vollständig in Funktionen übersetzt.

Wer ästhetisch lebt – also spielend, lachend, liebend, reisend – begegnet einer eigentümlichen Tatsache und Möglichkeit: der unbestimmbaren Zufälligkeit der Welt: es ist immer auch anders möglich. Die Welt zeigt sich widersprüchlich, vielstimmig, manchmal unerquicklich, manchmal schön. Man erkennt darin die eigene innere Vielfalt wieder. Vielleicht entsteht so etwas wie vielstimmige Stimmigkeit, die durch das Rauschen der Natur und des Anderen geweitet ist.

In dieser Durchlässigkeit verliert das kapitale Ich langsam an Gewicht. Nicht durch Anstrengung, sondern durch Zerstreuung. An seine Stelle tritt eine individuelle Mythologie, unscheinbar, eigensinnig, ein wenig daneben. Sie ist kein Programm für die Gesellschaft, aber ein freudiger Widerstand gegen ihre Zumutungen. Aus ihr ließe sich – vorsichtig, tastend – eine andere Gesellschaft denken. Eine, deren Untergründe und Zwischenräume nicht als Defizite gelten, sondern als ihre eigentliche Natur.

So wird es unspektakulär weitergehen, aber anders.