El Hierro 2 – Ein anderes Haus
Vorwort
Vor einigen Jahren beschlossen wir zu zweit ein Selbstexperiment auf El Hierro (EH). Anders und naturnäher leben, selbst geringer werden. Daraus sind drei Tagebücher (EH1, EH2, EH3) zwischen 2017 und 2026 entstanden.
2015 begannen wir, hier oben ihn den Bergen dieses andere Leben. 2017/18 verbrachte ich hier ein Sabbatical. Seit 2021 leben wir hier zu zweit in den kühlen Monaten von September bis Ende April. Es mischen sich Erwartungen, Erfahrungen, Projektionen, Wünsche, Sehnsüchte und Befürchtungen. Wie bleibt unbestimmt, auch wenn umweltsoziologische, moralische und ästhetische Schubladen bei mir immer noch zu gut funktionieren. Ich möchte so wie es geht wiedergeben, ob, was und wie etwas wirklich anders werden könnte. Wenn man hier lebt, wird aus idealisierender Romantik im Sinne Thoreaus möglichkeitsorientierter Pragmatismus im Sinne Musils. Im Ganzen soll dieses psychologische und soziologische Selbstexperiment zeigen, wie schwierig es ist, eine andere Gesellschaft aufzubauen. Es ist mit Niklas Luhmann gesehen komplex und kontingent.
Literatur hilft bei der Orientierungssuche: Zunächst Zhuangzi und Thoreau. Nun Musil und Harald Szeemann. Aus Soziologie wurde Literatur, wenn diese Unterscheidung überhaupt Sinn macht. Literatur ist wenigstens offen für Mythologie, Mystik, Aura und Äther. Eine „taghelle Mystik“ im Sinne Musils, kleine Sprünge in andere Zustände im Sinne Walter Benjamins. Daraus folgt die hier vorgelegte „Individuelle Mythologie“ wie sie Harald Szeemann vorschlug. All das folgt der Überzeugung, dass nur man-selbst das eigene Leben und somit die Gesellschaft ändern kann. Das kleinere Man-Selbst ersetzt das große Ich. Doch wie kann Rilkes „Du musst Dein Leben ändern“ gelingen? Wie wird man ein Anderer?
Dazu – so glaube ich – benötigen wir eine heilende, eine versöhnende Erzählung von unserer immer auch eigenen Natur. Sie bleibt notwendig unbestimmt, ja diese Erzählung folgt mehr der Unbestimmtheit der Natur als den gesellschaftlichen Bestimmungen. Wenn wir naturnäher leben wollen, dann werden wir die Unbestimmtheit der Natur zum Vorbild nehmen. Boden, Wasser, Luft, Licht, das Wetter und ihr Wechselspiel mit allen Lebewesen lassen sich nicht bestimmen. Das große komplexe Zusammenspiel bleibt selbst ein Mythos; und Öko-Logie ein bescheidener Ratgeber. Aus diesem zufälligen und vielfältigen Zusammenspiel einen Logos zu schmieden, ist weder sinnvoll noch hilfreich. Unsere (eigene) Natur bleibt der sprachlose, unbestimmte Untergrund von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.
Verschiebungen, Änderungen
Was sich seit 2021 – mit dem Abbruch unseres Arbeitslebens – verändert hat, bleibt mir nur teilweise verständlich. Seit 2020 ist das Leben anders, es gibt – paradoxerweise – mehr Begrenzungen und mehr Zwischenräume. Jetzt, im anderen Haus, im kleinen Feigenhainhaus, beginnt die Unruhe sich zu legen. Raum, der in Freiburg groß war, ist geringer geworden. Lebewesen, die kaum beachtet wurden, haben durch unseren Garten Gewicht bekommen. Ich spüre mehr Stimmigkeit. Der Körper reagiert früher als der Gedanke. Ich bemerke ihn deutlicher, weil er mir wichtiger geworden ist und weil immer mehr Gedanken und Worte verschwinden. Müdigkeit und Schweigen stören nicht, sondern sind beiläufig dabei. Diese Änderungen sind Verschiebungen. Sie vollziehen sich so langsam, dass man-selbst sie kaum bemerken kann.
Auf El Hierro werden diese Verschiebungen spürbar, weil hier nichts überdeckt ist und weil man Wind und Regen, Sonne und Kälte mehr spürt. Die Insel duldet keine Eile. Wer versucht, schneller zu sein als Vulkan, Wind und Nebel, merkt irgendwann, dass er ins Leere arbeitet. Der Boden antwortet verzögert. Das Holz verzieht sich. Die Sonne kommt und geht, ohne Rücksicht auf Pläne. Man lernt, sich einzufügen. Übungen des Unterbrechens.
Die Tage beginnen ohne Vorsatz. Ich stehe auf, weil der Körper wach ist, nicht weil mich etwas erwartet. Der Morgen ist kein Auftakt, sondern ein anderer Zustand. Man geht hinaus, schaut, atmet. Die Wolken liegen tief, manchmal so tief, dass sie den Garten berühren. Dann verschwinden die Linien. Wichtige Unschärfe. Das Grundstück hört auf, Eigentum zu sein. Es wird Teil eines größeren Zusammenspiels, in dem man-selbst nur ein vorübergehender Gast ist.
Das Denken tritt leise und meist höflich zurück. Es will nicht stören. Es lässt sich nun anderes wahrnehmen. Geräusche werden wichtiger als Bedeutungen. Ein Tropfen, der vom Dach fällt. Ein Vogel, den man nicht sieht. Das Rascheln der Blätter. Emerson spricht von einem Zustand, in dem der „transparent eyeball“ durchlässig wird für das, was ihn umgibt. Hier oben, im windigen Wechsel von Sonne und Nebel, ist diese Transparenz möglich.
Das Leben in Freiburg erscheint aus dieser Perspektive fest und dicht. Verdichtet durch Erwartungen, durch meine gefühlte Aufforderung zur Stellungnahme. In Freiburg lässt mein Ich sich auffordern, Stellung zu nehmen, hier kann man-selbst es leichter zurücknehmen. Diese beiden Lebensformen stehen nicht in Konkurrenz. Sie beleuchten einander. Die eine macht die Enge der anderen sichtbar. Vielleicht ist es diese Spannung, die wichtig ist, um nicht in eine neue Form von Bestimmtheit und Eindeutigkeit zu geraten.
Das andere Leben zeigt sich zwar auch als Alternative, mehr aber als Ergänzung. Es korrigiert, ohne zu ersetzen. Es fügt dem Bekannten Tiefe und Weite hinzu, die jedoch meist unbemerkt bleibt. Rilke spricht von der Geduld gegenüber allem Ungelösten im Herzen. Diese Geduld ist hier keine Tugend, sondern eine Bedingung des Überlebens. Man kann die Dinge nicht zwingen. Man-selbst kann sie begleiten.
Das Scheitern gehört dazu. Pflanzen sterben. Umbauten verzögern sich. Listen und Pläne lösen sich auf. Manchmal wird die Kälte zu viel und auch die Feuchtigkeit. Dann meldet sich der Wunsch nach Komfort, nach Absicherung, nach Rückkehr. Diese Wünsche werden zunehmend weniger bekämpft. Sie lassen sich zur Kenntnis nehmen. Sie gehören dazu. Das andere Leben ist kein reines oder freies, kein heimeliges oder fröhliches Leben. Es ist durchzogen von Widersprüchen, von Rückfällen, von Ungeduld. Man-selbst kann dennoch hoffen, geringer und ehrlicher zu werden.
Es gibt täglich Augenblicke, in denen sich etwas öffnet. Vielleicht beim Schneiden der Feigenbäume oder wenn das Licht plötzlich durch den Nebel bricht. Oder auf der Veranda am Abend, wenn der Nebel sich hebt und für einen Moment der Ozean fern und gegenwärtig sichtbar wird. In solchen Momenten scheint das Leben nicht fragmentiert, sondern gesammelt. Nicht vollständig, aber stimmig.
„Du musst Dein Leben ändern“, so hoffe ich weiter mit Rilke, und das bedeutet: mehr Sinnlichkeit ermöglichen. Diese Ermöglichung geschieht hier weniger durch Entwürfe, sondern durch kleine Verschiebungen: weniger tun, länger bleiben, genauer schauen. Das Geringer-Werden des Ichs schafft Zwischenräume für Beziehungen, die nicht instrumentell sind. Zur Landschaft. Zu den Pflanzen. Zu den Menschen, die kommen und gehen.
Was hier entsteht, ist eine neue Lebensform: mehr Chaos, weniger Ordnung. Dem Wetter, der Natur anders begegnen, hier und da eine andere Form geben. Es ist eine andere Aufmerksamkeit. Eine Aufmerksamkeit, die das Unfertige und Unbestimmte nicht als Mangel versteht. Die akzeptiert, dass das Leben keine Baustelle ist, die abgeschlossen werden kann. Dass es sich um eine Folge von Näherungen handelt, um ein Weitergehen, manchmal etwas tiefer, manchmal etwas weiter. Versuchsweise.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Hoffnung: nicht im Entwurf einer besseren Zukunft, sondern im Ernst und Ironischnehmen der Gegenwart, so wie sie sich zeigt. Nebelig. Brüchig. Schön. Bedroht, mit vielen Spuren, mit ein wenig mehr Aura. Wenn es gelingt, diesen Spuren zu folgen, ohne sie festzuhalten, könnte sich das eigene Leben ändern, könnte das eigene Leben ein wenig pastoraler und ätherischer werden. Langsam, sukzessive.
So setzen ich diese Aufzeichnungen fort. Nicht als Beweis, nicht als Anleitung. Eher als Begleitgeräusch eines Lebens, das sich nicht bestimmen, aber vielleicht ändern lässt. Wenn man sich von seinem (kapitalen) Ich verabschieden möchte, bleibt man-selbst im Übergang, auch wenn das andere Haus spürbar wird.
November 2021
1 Übergang
Ich komme nicht an.
Ich habe früher aufgehört zu lehren, nach 34 Jahren. Jetzt, mit einundsechzig Jahren, beginne ich ein anderes Leben. Jedenfalls bilde ich es mir ein.
Man steht zunächst da, ohne zu wissen, worauf. Der Ort ist da, er erklärt sich nicht. Der Alisio streift über das Land, streift mich, ohne zu fragen, ob ich bereit bin. Wenn ich nicht bereit bin, koche ich und erinnere mich an Zhuangzis „Prinzipien der Pflege des Lebens“ und den Koch Ding.
Unser Entschluss, hierher zu kommen war schneller als das folgende Leben. Man entscheidet sich, und das normale Leben bleibt zurück. Deshalb steht man da. Man wartet. Man wartet, bis der eigene Atem wieder zu einem gehört. Der Übergang braucht einen langen Atem, der sich einstellt, wenn man lange genug bleibt, ohne etwas zu fordern. Solange dieser Atem kurz bleibt, bleibt auch das Leben kurz. Man kann woanders wohnen und doch schnell und hektisch atmen. Das andere Leben muss sich langsam lösen. Es muss sich entfernen, ohne dramatisch zu werden. All das möchte gut verdaut werden. Dafür koche ich täglich, so einfach es geht, so beiläufig und jahreszeitlich es geht.
Auf dieser Insel – ruhig, weil sie vergessen wurde – zieht sich das Alte zurück. Mit den Bauern geht ihr Wissen, ein langsames Versickern. Wie Wasser, das man nicht mehr sieht, aber dessen Fehlen man irgendwann spürt. Die Felder werden größer, glatter, leerer. Das Golfo-Tal füllt sich mit Ananas, gespeist von Pumpen. Alles funktioniert. Und doch ist mehr als der alte Boden fort. Das Leben im Golfo-Tal, so können wir es lesen, war vor Bananen, Ananas und Tunnel, das Paradies. Man ist auch von hier oben dorthin nach Weihnachten geflohen. Eine dreimonatige Mudanza, eine Transhumanz, mit allen Tieren und dem Haushalt. Immer wieder werden wir und haben wir uns gefragt, ob wir auch am Meer im Golfo-Tal leben wollen.
Wir bleiben hier oben, in der Kälte und Feuchte. Hier beginnt etwas anderes. Unauffällig. Daneben. Ein Garten, der nicht geplant ist, sondern wächst. Ein Haus, das noch nicht weiß, was es sein will. Eine Bewegung nach Süden, nicht als Richtung, sondern als Geste. Ein langsames Üben eines anderen Erlebens. Ein Erleben, dass auf Erfahrungen ruht.
Vielleicht lassen sich die gemachten Erfahrungen und das alte Wissen nicht bewahren. Aber vielleicht lässt sich ein Raum öffnen, in dem es noch einmal atmen kann. Vielleicht bringen unsere Afrika-Reisen etwas zurück, als Erinnerung an andere Möglichkeiten. Vielleicht kann ein Haus so gedacht werden, dass Boden, Wasser, Luft und Energie nicht getrennt erscheinen, sondern als zusammengehörig erfahren werden. Aber dennoch schützen wir uns mehr als wir zuvor dachten. Vor eindringenden Mäusen, Ratten, Katzen. Und auch vor unheimlichen Infektionen.
So wird das Haus ein anderes Haus. Nicht sofort. Aber allmählich.
2 Das Feigenhainhaus
Das andere Haus wird gebaut. Blau. Klein. Auf Stelzen. Im Feigenhain.
Es steht auf etwa tausend Metern, gerade hoch genug, um dem Wind ausgesetzt zu sein und dem Nebel. Die Veranda schiebt sich hinaus. Sie berührt Blätter, Schatten, Wind. Wenn man dort steht, sind die Baumwipfel in Höhe der Augen. Man spürt, wie sie sich bewegen. Man hört ein leises, dauerhaftes Geräusch. Das nichts fordert.
Innen: ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Sofa. Alles steht noch ein wenig verloren. Dinge, die ihre Aufgabe noch nicht kennen. Möbel in einem Haus, das sich selbst noch nicht entschieden hat. Die Küche fehlt. Das Bad fehlt. Das Haus ist mehr Möglichkeit als Ort.
Seit zwei Jahren ruht die Arbeit. Der Regen findet seinen Weg hinein. Tropfen auf Holz. Das Holz nimmt sie auf, gibt sie wieder ab. Geduld wird dünn. Hoffnung wird technisch, abhängig von Materialien, von Terminen, von Menschen. Vertrauen versickert. Immer wieder diese Fragen: Wer wird das Haus fertig machen? Wird es überhaupt fertig? Oder ist das Unfertige sein Zustand?
Geduld, Hoffnung, Vertrauen – sie scheinen begrenzt. Jedenfalls bei mir. Vielleicht lassen sie sich weiten. Vielleicht auch nicht. Die Enge ist nicht nur meine. Sie liegt über vielen Leben. Wächst das Flache? Die Zeit scheint schneller zu sein als wir. Dieses Gefühl ist ein kollektiver Zustand.
3 Der Garten
Es ist Pflanzzeit. Februar. März. In den Bergen von San Andrés.
Der Boden gibt nach und widerspricht zugleich. Oben weich, darunter hart. Humus, dann Stein, dann Lehm. Man stößt auf Fels, immer wieder. Wir pflanzen Pfirsich, Walnuss, Kiwi, Beeren. Im Gewächshaus Kürbis, Zucchini, Basilikum. Wir öffnen den Kompost. Wenige Regenwürmer. Sie haben sich zurückgezogen. Zu trocken.
Alles blüht. Alles beginnt.
Der Garten ist fast voll. Wie viele Bäume es sind, weiß niemand genau. Vielleicht hundertdreißig. Vielleicht mehr. Viele Feigen, aus einem Ursprung hervorgegangen, ein Geflecht. Dreißig Baumarten. Nutzbare. Wilde. Solche, die einfach da sind, ohne Zweck.
Tagasaste steht überall. Blüht. Wartet. Ernährt Ziegen. Hält Zeiten aus. Der Garten zählt nicht. Er dauert. Und in diesem Dauern beginnt man, sich selbst weniger zu zählen.
4 Zeit
Wir leben knapp unter den Wolken. Manchmal in ihnen. Der Alisio kommt regelmäßig. Er bringt Feuchtigkeit, Bewegung. Die Pflanzen wissen, was zu tun ist. Wir lernen es zögerlich. Es bleiben die vielen Fehler.
Wolken sind keine Uhren, bemerkte Popper. Sie folgen keinem Plan. Uhren strukturieren alles. Der Mensch muss lernen, mit beiden zu leben. Mit der linearen und der zyklischen Zeit. Freiburg und El Hierro. Vielleicht entsteht daraus eine dritte, eine spiralige Zeit, einen eigene Zeit. Eine Zeit, die Wiederkehr kennt, aber auch Abweichung. Eine, die andere Wege erlaubt.
Die Tages- und Jahreszeiten bestimmen unser Hiersein. So soll es sein. Dazu gehört die Siesta, die lange Mittagsruhe zwischen zwei und fünf. Der Körper wird still. Sie unterbricht den Tag, teilt ihn in drei Teile. Ohne Unterbrüche wird das andere Leben unmöglich. Unterbrüche ermöglichen Weitung. Intuition wird möglich. Die Unterbrechung öffnet Räume. Gedanken werden weiter. Bilder kommen von selbst.
5 Zwischenzustand
Im Paradies muss man schrauben. Viel schrauben. Schrauben brechen. Holz widersetzt sich. Früher wurde hier nicht geschraubt. Es wurde gefügt. Lose. Kunstvoll. Dieses Wissen ist fast verschwunden. Wir lernen es nicht mehr.
Vielleicht kann das andere Leben nicht einfach sein. Vielleicht ist es dieser Zwischenzustand, das Dazwischen von hier und dort, von alt und neu, der alles trägt und zugleich unruhig macht. Vielleicht ist Holz nicht die richtige Idee – oder gerade doch. Vielleicht liegt es daran, dass das andere Leben nicht mehr das traditionelle, bäuerliche, handwerkliche Leben sein kann. Das Erfahrungswissen ist verloren gegangen. Vielleicht gelingt unser Übergang nicht, weil unser altes, kapitales Leben zu attraktiv ist: billiger, schneller, effizienter, abgesicherter.
Wollen wir wirklich einfach leben? Genügsam? Natürlich? Vielleicht ist es gerade dieser seltsame Zwischenzustand, das Pendeln zwischen Freiburg und San Andrés, der den Übergang ermöglicht und zugleich nervös macht. Vielleicht gibt es das nicht mehr, was ich suche, das Geringere als Bedürfnis. Und wenn es das kaum noch gibt – wie können zehn Milliarden Menschen auf dieser begrenzten Erde kapital leben?
Fast alle fahren Auto. Wir auch. Mit dem Auto gibt es kein Paradies und keine Zukunft. Gestern fuhr ein Würth-Wagen mit Schrauben vorbei. Ein kurzer Moment Ironie. Dann wieder Arbeit.
6 Bäume
Die Bäume treiben aus. Ich schneide. Ich stehe zwischen ihnen. Trenne, was sich verfangen hat. Licht fällt hinein. Luft bewegt sich wieder. Die Bäume lassen es geschehen. Sie stehen einfach da. Geduldig.
Wenn man lange genug schneidet, wird man ruhig. Es ist eine Arbeit ohne Eile. Man ist anwesend. Vielleicht ist das genug. Kultivieren heißt: sich um das Werden kümmern.
7 Nebel
Am Morgen ist es kühl im Haus, auch wenn die Sonne schon irgendwo hinter den Wolken steht. Ich stehe früh auf, nicht aus Disziplin, sondern weil der Körper wach ist. Der Nebel ist gekommen, ohne Geräusch. Er hat sich um das Haus gelegt und ist geblieben.
Die Holzdielen sind kalt. Man spürt jede Unebenheit. Ich ziehe mir einen Pullover über, dann noch einen, gehe hinaus auf die Terrasse. Die Feigen stehen still, aber nicht reglos. Ihre Blätter bewegen sich kaum sichtbar.
Der Blick reicht nicht weit. Der Nebel macht alles nah. Das Meer unten und der Vulkanhang links sind verschwunden. Der Körper wird vorsichtiger. Die Gedanken ebenfalls. Kein Vogel ruft.
Drinnen koche ich Wasser. Die Batterie ist nicht voll. Gestern war wenig Sonne. Ich rechne genau. Tee geht. Licht geht. Vielleicht später eine Stunde Heizung. Energie ist hier kein abstrakter Wert. Sie wird spürbar.
Ich denke wenig. Was da ist, ist ein Gefühl von Dazugehören, nicht als Idee, sondern als Zustand. Ich bin nicht draußen. Ich bin nicht drinnen. Ich bin hier. Der Nebel nimmt Übersicht und gibt Nähe. Alles ist im gleichen Abstand: Baum und Erde. Und kein Himmel.
Vielleicht ist das das andere Leben. Kein anderes Programm. Keine andere Moral. Sondern ein anderes Tempo, ein anderes Hören, ein anderes Spüren. Eine andere Dichte der Wahrnehmung. Die Gedanken folgen später. Oder sie bleiben zurück.
Ich setze mich an den Tisch. Ich schreibe nichts. Ich sitze nur. Draußen tropft es weiter. Der Nebel hält an. Und ich merke, ohne es benennen zu müssen, dass dieses Bleiben vielleicht schon der kleine Sprung ist, von dem Benjamin gesprochen hat. Unscheinbar, aber wirklich.
8 Fran
Fran kommt oft. Er weiß viel. Er erzählt. Er bringt Holz. Eier. Orangen. Man isst zusammen. Wenn wir weg sind, schaut er nach dem Garten. Er ist Überbringer. Nicht von Ideen, sondern von Erfahrung. Fran versorgt uns mit Neugier, Freundlichkeit, Wissen, Kontakten und allen Insel-Neuigkeiten. Wir essen häufig zusammen. In unserer Abwesenheit schaut er vorbei, legt manchmal Beete und Mäuerchen an, wässert und begrüßt Freunde von uns.
Er ist ein Sammler alten Erfahrungswissens. In seinem Selbstversorgergarten kultiviert er zwar keine alten Sorten, aber sein Wissen über den Anbauzeitpunkt und die Anbaubedingungen sind wichtig. Ebenso sein Wissen über die Trockensteinmauern. Sie brechen den Wind, machen z.B. seinen Avocado-Anbau möglich. Seine Orangen sind köstlich. Fran gibt sein Wissen und Können an uns weiter, und ebenso Kohl, Eier, Orangen. Manchmal Avocados. Das, was wir nicht haben. Für ihn ist Permakultur kein neues Wissen, sondern uraltes Herreno-Wissen, lokales, erfahrungsgebundenes Wissen.
In Javis Bar spricht er alle an. Gespräche entstehen. Tradition geht nicht verloren, solange jemand sie weiterträgt. Nicht als System. Als Geste. Nun ist er weg.
9 Feigenbäume
Die Feigen treiben ihre Blätter nicht auf einmal. Es geschieht ungleichzeitig, zögernd, fast widerwillig. Ein Hain von etwa dreißig Bäumen, kaum voneinander zu unterscheiden. Sie sind aus Stümpfen gewachsen, aus Trieben, aus Zufällen. Niemand hat sie so gepflanzt. Sie sind einfach so entstanden. Wuchernd, ineinander verheddert, haben sie sich den Raum genommen, der da war. Was entsteht ist Wildnis, Chaos, Ursprung.
Ich gehe zwischen ihnen hindurch. Schneide. Löse Verwachsungen. Trenne, was sich gegenseitig den Atem nimmt. Erst im Tun zeigen sich Strukturen, die vorher verborgen waren. Linien, die sich fortsetzen. Richtungen. Eher ästhetisches, vorsichtiges Ordnen zugunsten der Luft. Ein Freimachen von Wegen, durch die Licht fallen kann.
Bäume schneiden ist eine Tätigkeit, die ihren Zweck in sich trägt. Sie verlangt nichts über sich hinaus. Kein Ziel, sondern ein anderer Zustand. Ein aufmerksames Tun, ohne nach Bedeutung zu fragen. Während ich schneide, entwirrt sich etwas. Im Baum, sichtbar. Vielleicht auch im Denken, kaum merklich. Das Wort kultivieren bekommt hier seinen alten Sinn zurück: nicht verbessern, nicht optimieren, sondern begleiten. Da sein, während etwas wird.
10 Wärme
Der Frühling hier ist keine Jahreszeit im gewohnten Sinn. Er ist eine Folge von Unterbrechungen. Kühle Tage. Feuchte Nächte. Dann wieder Sonnenlicht, das plötzlich da ist, als wäre es nicht vorhersehbar gewesen. Es kommt unvermittelt, einfach – und beiläufig.
Vielleicht sind wir deshalb hier. Nicht wegen der Wärme selbst, sondern wegen ihrer beständigen Wiederkehr. Ein Holzofen tut das Übrige. Pinienzapfen, Klaubholz, der Geruch von Harz. Das Feuer versteht sich von selbst. Es zeigt an, dass man da ist. Dass der Raum bewohnt wird.
Im Garten setzt sich die Arbeit fort. Kompost aufschichten. Wasser umleiten. Erde lockern. Es gibt Jahreszeiten, aber sie greifen nicht tief ein. Der Rhythmus entsteht aus Wiederholungen und Unterbrechungen. Man macht vieles erneut, nicht aus Gewohnheit, sondern weil es sich anbietet. Weil es jetzt an der Zeit ist.
März 2022
11 Rückkehr nach Freiburg
Ungeplant zurück nach Freiburg. Meine Mutter liegt im Sterben. Ein hundertjähriges Leben geht nun friedlich zu Ende. In einem Pflegeheim. Sie liegt dort allein. Ich fühle mich hilflos. Zwischen 13 und 17 Uhr darf ich sie besuchen. Covid-Regelungen. Die Pflege ist professionell. Sie wissen, was zu tun ist. Ich lese einige Abschnitte von Elisabeth Kübler-Ross. Ich kann da sein, nah sein. Ich bin allein.
In Freiburg zu sein ist seltsam. Eine ungewollte Rückkehr. Ich handle üblich, ohne zu arbeiten. Hilflosigkeit ist ein Zustand, in dem man nicht weiß, was ist. Und was kommen wird. Man hangelt sich durch den Tag. Man lenkt sich ab, trinkt Tee und Espresso. Ich telefoniere viel. Fahre Fahrrad, gehe mit den Hunden. Es ist seltsam, wie schnell mir dieser Ort keinen Halt gibt. Aber vielleicht ist das überall so. Oder liegt es an der Rückkehr. Vielleicht bin ich so. Zum Glück ist es sonnig.
Es gibt keine Erwartungen, nur warten. Eigentlich ein Zustand, den ich lange ersehnt habe. Nun ist er da und macht mich hilflos. Ich bin den Zufällen und dem Schicksal ausgesetzt. Alle haben etwas zu tun. Nur ich nicht. Nur langsam füllt sich der Tag, die Tage, die nächste Woche. Plötzlich verstehe ich die Menschen, die den Fernseher anmachen, die im Netz unterwegs sind. Die Gartenarbeit fällt hier weg. Kochen bleibt.
Ich bin nicht angekommen. Ich bin nicht unterwegs. Ich halte mich hier auf. Ich sitze im Café. Immer am gleichen Tisch. Ich lese die Zeitung nicht wirklich. Ich blättere. Ich sehe Menschen kommen und gehen. Gespräche setzen an, verlaufen sich, werden unterbrochen. Niemand bleibt lange. Auch ich nicht. Der Aufenthalt ist eine Übung im Vorübergehenden. Auf El Hierro ist es umgekehrt. Dort bleibt alles. Auch wenn wir gehen. Die Bäume stehen. Der Nebel kommt. Die Arbeit wartet. Der Aufenthalt dort ist schwerer, dichter. Hier ist alles leichter, schneller, austauschbarer. Vielleicht braucht es beides.
12 Arbeit
Ich merke, dass mir hier die Arbeit fehlt. Nicht als Aufgabe, sondern als Widerstand. In Freiburg ist alles glatt. Die Wege sind vorbereitet. Die Abläufe optimiert. Man muss sich kaum verhalten.
Arbeit ohne Produkt ist hier kaum vorgesehen. Man sitzt. Man spricht. Man konsumiert. Man informiert sich. Auf El Hierro arbeitet man oft ohne Ergebnis. Man gräbt und stößt auf Stein. Man repariert, und es hält nur eine Zeit. Man pflanzt, ohne zu wissen, ob es anwächst. Diese Art von Arbeit erzieht zur Geduld. Sie ist dem Leben näher.
Vielleicht ist das der Grund, warum mich Freiburg jetzt ermüdet. Nicht weil es zu viel ist, sondern weil es zu wenig fordert. Es fordert Aufmerksamkeit, aber keine Hingabe. Es fordert Meinung, aber kein Bleiben.
13 Rückbindung
Der Tod bindet zurück. Nicht an Orte, sondern an Verhältnisse. Ich denke an meine Mutter nicht in großen Szenen, sondern in kleinen: Bergsteigen, Warten, Teetrinken. Wie sie schwieg. Ihr Leben war eine Folge von Anwesenheiten. Viel Tennis, ich habe es von ihr gelernt.
Auf El Hierro bindet uns der Garten zurück. Die Feigen. Das Wasser. Das Holz. Diese Rückbindungen sind nicht nostalgisch. Sie sind konkret. Man muss da sein. Man kann sich nicht vertreten lassen. Rückbindung ist keine Idee, sondern eine Praxis.
Vielleicht ist das andere Leben nichts anderes als eine andere Art der Rückbindung. Nicht an Systeme, Programme oder Narrative, sondern an das, was bleibt, wenn alles andere fraglich wird: Boden, Zeit, Körper, Beziehung.
Das andere Haus wartet. Der Garten wartet nicht. Er geht weiter. Vielleicht ist das der Unterschied. Häuser warten. Gärten dauern. Nichts beschleunigen. Auch nicht das Verstehen. Vielleicht ist das der letzte Rest von Kontrolle, den man aufgeben muss. Zu bleiben, ohne zu wissen, wie lange. Zu handeln, ohne zu wissen, wozu.
Und manchmal entsteht daraus Ruhe. Als Möglichkeit.
13 Anfänglichkeit
Ich versuche, mich zum Tennis zu verabreden. Einmal klappt es. Plötzlich ist alles wie immer. Tennis ist nicht nur Technik und Methode, sondern meine Heimat, mein Anfang. Mit drei spielte ich zuerst dieses Spiel. Mit meiner Mutter schaue ich immer wieder alte Bilder auf den verschiedenen Tennisanlagen an. Dann schmunzelt sie. Das Spiel ist nicht nur schön, wenn es gelingt, sondern es ist existentiell, weil gerade das Spiel einen Anfang bewahrt. Wenn diese Anfänglichkeit verschwindet, dann spielen wir nicht mehr. Ein spielerisches Missgeschick erinnert uns an den Anfang. Die Pokale sind nichts wert. Ich habe sie weggeschmissen.
Die Anfänglichkeit erhält ihren Wert durch die Sterblichkeit. Das „Zu Ende Bringen“. Das Ende des Spiels ist der Übergang zum Anfang des nächsten Spiels. Es wird anders sein. Die Ungewissheit des nächsten Spiels, des nächsten Anfangs erzeugt Vorfreude. Die Freude des Spiels ist durch die Vorfreude möglich.
Diese Gedanken und Empfindungen erscheinen mir im Angesicht des Krieges abwegig. Der Ästhetizismus des Spiels heilt nicht, versorgt nicht, bewältigt kein Problem. Er erscheint vielleicht tröstlich, wie jede Kultur. Doch Gesang, Rauschen und Stille als ästhetische Erinnerungen unserer Anfänglichkeit, sind der Andacht und dem Tod näher.
14 Energie: Dominique erzählt Neuigkeiten am Telefon. Sie ist auf El Hierro geblieben, weil wir Dächer abdichten und erneuern müssen. Danach wird auf das Dach des alten Hauses eine Photovoltaik-Anlage gebaut. Nun, ab 7.4., ist sie fertig installiert. Wir produzieren Strom, genug Strom, mehr als wir benötigen. Wir können einen Haushalt mitversorgen.
Ein wichtiger Widerspruch ist aufgehoben. Wir verbrauchen nicht den Strommix der Insel. Die Windenergie wurde falsch projektiert. Dennoch spricht die Inselregierung bis heute von 100% „autosuffiziente“ und somit selbstgefällig von „Realität gewordene Utopie“. So berichtete es auch die deutschsprachige Presse zunächst 2014 die TAZ, dann NZZ und GEO, ohne es zu prüfen. Es passte gut ins Bild: gallisches Dorf, Insel der Zukunft. Es gibt das Vorbild. Strategischer Öko-Optimismus. Wir kennen solche medialen Inszenierungen: Sozialismus, Anthroposophie, Odenwaldschule, Gomera, das gelobte Land. Das liegt nicht an den Institutionen und ihren Utopien, die so oder anders sein können. Es liegt an mir/uns, an meiner/unserer Nachfrage nach „schönen“ Geschichten, die durch Glauben ein mitmachendes Selbstverständnis ermöglichen, Teilhaber an einer besseren Welt zu sein.
Das Produzieren von Strom, Lebensmitteln und Humus ergibt wie das Pflanzen von Bäumen nicht nur Nutzen. Es bildet nicht nur den Untergrund des Zueinander-Gehörens von Mensch und Natur, sondern ebenso der eigenen Freude. Wie sollte das eigene Leben, wie sollte unsere Demokratie gelingen ohne diesen Untergrund? Wie sollte das andere Haus entstehen ohne diese Basis? Ohne unser Naturverhältnis grundlegend zu erneuern, werden Sozialverhältnisse und Selbstverständigungen nicht gelingen können. Das sollte nach Rachel Carson (1962), nach den Club of Rome-Berichten (beginnend 1972) und den gescheiterten Weltkonferenzen zum Klima (beginnend 1979) und dem Biodiversitätsübereinkommen (1992) längst selbstverständlich sein. Ist es aber nicht.
15 Allmende: Verhandlungen sind Aushandlungen. Auf El Hierro gibt es wenig moderne Aushandlungen. Es gibt Traditionen, Gewohnheiten. Man verkauft Grundstücke selten über den Markt, sondern gibt sie einem Familienmitglied oder nach lokalen Gesprächen. Kann die Idee einer globalen Demokratie sich verwirklichen oder bleibt Demokratie an das lokale Gespräch gebunden? Wie übergeben wir Dinge und Aufgaben? Mündlich oder schriftlich? Im Vertrauen oder mit staatlicher Kontrolle? Die Übergabe eines Gutes, einer Tradition geschieht direkt, unmittelbar, konkret, vor Ort.
Grund und Boden, Wasser und Luft sind keine Aushandlungsgüter, sondern gehören uns allen. Sie sind Allmenden. Commons. Wenn man beginnt, die Mandelallmenden und die Piniennadeln und -zapfen in den Wäldern von Pinar nach dem Aushandlungsprinzip zu organisieren, geht verloren, was da ist: Gemeinschaft, Solidarität. Ein Beispiel dafür ist das „Chästeilet“ in den Schweizer Alpen. Die Erträge auf den Almen, den Allmenden, werden gemeinschaftlich geteilt, und ein Fest wird gefeiert.
Die Allmenden auf der Erde drohen zu verschwinden. Einzelne Staaten verkaufen „ihren Boden“ und „ihr Wasser“ an ausländische Investoren, um die Ausbeutung von Ressourcen zu forcieren. Wem gehört die Erde? Dazu ist viel gesagt worden. Eine Rückeroberung der Allmenden durch die Menschen vor Ort erscheint dringend notwendig. Dorfgemeinschaften würden nicht ohne Enteignung ihre Allmenden aufgeben. Die berüchtigten „Enclosures“ (Einhegungen) in England begannen bereits ab 1450, um dann vor der Industrialisierung sich dramatisch zu verstärken. Diese Enteignungen und die Auflösung der Allmenden gelten als Auslöser der Industrialisierung, da die Bauern in die Städte vertrieben wurden und so als billige Arbeitskräfte verfügbar wurden. Analoges geschah mit den Marken in Deutschland. Reste der dörflichen Markgenossenschaften finden sich noch im südlichen Schwarzwald. Das Wachsen oder Weichen wird weiter betrieben. Und so geht es auch auf Hierro, weltweit. Doch es gibt weltweit viele Kleinbauern und einige Allmenden inclusive. Es gibt noch viel zu enteignen und auszubeuten.
16 Offenes Geheimnis, common man: Wenn der Mensch sich selbst als offenes Geheimnis annimmt, kann er seine Vertikalität zwischen Natur und Geist suchen. In einem unsicheren, ungewissen Selbstverständnis, das sich und seine natürlichen und geistigen Verbundenheiten wenig zu erkennen in der Lage ist, kann er um ein anderes, ein ungesichertes, ungewisses Leben ringen. Wir bekommen jedoch ein entgegengesetztes Bild von uns vermittelt. Wir gelten als vernünftig, diszipliniert und Herrscherin unseres Lebens. Die Angst, diesem falschen Selbstbild nicht entsprechen zu können, ist allgegenwärtig. Wer möchte als unsicher, naiv, chaotisch oder melancholisch gelten?
Auch das romantische Gegenbild zur aufgeklärten Bürgerin funktioniert nur bedingt: Das Selbst-Bild des allverbunden liebende Menschen übt einen Erwartungsdruck aus, dem der wirkliche Mensch nicht entsprechen kann. Näher kommen wir einem angemessenen Selbstbild, wenn wir den wirklichen Menschen sehen, „wie er ist“: klein, unwissend, irrtumsanfällig, naturabhängig, aber interessiert an eigenem Tun und eigenem Wachstum. In aller Regel freundlich und offen, menschlich, pragmatisch, relativ umweltangepasst, sozial. Ein „common man“.
Das gesellschaftliche Problem ist nun, dass kapitale Systeme und ihre (elitären) medialen Inszenierungen diesen „common man“ mit seinem „common sense“ und seinem „common faith“ diskriminieren. In den Bildungssystemen der westlichen Kapitalen Gesellschaften wird nicht dieser „common man“ zum gesellschaftlichen Selbstbild: Weder der normale Handwerker, noch die Postbotin oder der Fleischer. Auch nicht der Hobo, die Reisende, der Bohemien. Das offene Geheimnis des wirklichen Menschen wird verkannt. Seine natürlichen Regungen: Spaziergänge, Wanderungen, der eigene Hausbau, die Familie, das Reisen werden karikiert, häufig politisch „rechts“ verortet.
John Dewey hat im linksliberalen Geiste Paines, Emersons, Thoreaus, Whitmans und James´ diesen „common faith/sense“ in einer Bildungsidee, einer Laborschule zur Einübung praktischer und ästhetischer Fertigkeiten, verankert. Durch unsere persönlichen Erfahrungen lassen sich unsere Überzeugungen prüfen. Aus diesem einfachen und offenen Menschen- und damit Selbstbild folgen (hier) die notwendigen gesellschaftlichen Transformationen. Nur wenn der einzelne Mensch an seine eigenen, geheimen Fähigkeiten glaubt, ist er bereit, sich die Bildern unserer untergründigen Kulturgeschichte anzueignen: Odyssee, Sisyphos, der Engel der Geschichte.
Die Trugbilder der Bewusstseinsindustrie und der kapitalen Systeme werden sich sodann auflösen. Nicht Parlamente und technischer Fortschritt ermöglichen den Fortgang der menschlichen Geschichte, sondern die menschliche Bildung der commons.
Oktober 2022
17 Herbst: Nach einem halben Jahr in Freiburg, Zürich, Tessin und Apulien bin ich froh, wieder hier zu sein. Alles ist wie immer. Es war es notwendig von meiner Mutter Abschied zu nehmen, die Hochzeit zu begleiten, die Geburt mitzuerleben, Freunde zu treffen, Tennis zu spielen. All das will ich nicht hinter mir lassen. Und dennoch war ich zu lange von Finca und Casa weg. Zwar haben sich Andere (unsere Kinder, Fran, Illka, ein finnischer Freund) um alles gekümmert. Aber nicht auf die Art, wie wir die Dinge angelegt haben: Kompost, Abwasser, Baumpflege, Ernte. Nun ist es Oktober, ein paar Kleinigkeiten sind noch zu ernten: Auberginen, Paprika, ein paar Feigen, Äpfel, Kohl, Kräuter in großer Fülle; Orangen und Zitronen kommen noch. Der Grasschnitt muss gemacht werden. Holz für ein paar gemütliche Stunden. Nun kommt die große Tuno-Ernte; an jedem Kakteenblatt hängen zahlreiche Früchte; zu viele, um sie sinnvoll zu verarbeiten. Sie fallen bereits zu Boden und die Tuno-Blätter müssen kompostiert werden. Die zusammengebrochene Steinwand muss wieder aufgerichtet werden.
All diese Herbstarbeiten finden meist in der Sonne statt. Die Jahreszeit ist ein Segen; das Wetter ebenso. Sonne, Wolken, Nebel, ein wenig Regen; nicht zu warm, nicht zu kalt. In den vier Wochen des Hierseins bin ich nur zweimal ins Meer gesprungen. Das tiny-house wartet immer noch auf seine Vollendung. Aida oder der Holzbauer aus Teneriffa sollen es tun. Das Abwasser-Projekt beginnt im November. Die persönlichen Bekanntschaften vertiefen sich. Ein paar neue kommen hinzu. Wenn sie die Art unseres Lebens und Arbeitens nicht erkennen, sind sie nicht von Dauer.
Neulich war ein weitgereister Landschaftsgärtner zu Besuch, Wolfgang; er brachte ein wenig Saatgut mit. Ob Hochbeete sinnvoll sind, der Baumschnitt nicht perfekt war, der Schnitt nicht zu hoch getürmt sein sollte, das Gemüse doch dichter am Haus sein könnte, all das erweitert vielleicht unsere Sicht; und dennoch spüren wir, dass es hier nicht um vorsichtige Transition ging, sondern um Selbst-Darstellung und Besserwissen. Nun gut. Vielleicht zeigen meine Regungen auch nur, dass es hier nicht um diesen oder jenen sachlichen Hinweis geht, sondern um die Kunst miteinander zu sprechen und sich zu begegnen. Vielleicht aber sind Dominique und ich auf unsere Weise eingelebt. Und zu dieser Lebenswelt gehören eine gewisse Umsicht, eine gewisse Feinfühligkeit, eine gewisse Offenheit. Was mit „gewisse“ gemeint sein könnte, bleibt mir unklar. Und doch sind es genau dieses „kleinen Unterschiede“ (Bourdieu) die das „gewisse“ ausmachen. Wir sind dann halt doch keine Bauern oder Gärtner und werden auch keine mehr, trotz unserer formal-agrar-wissenschaftlichen Halbkompetenz.
18 Schneiden: Auf El Hierro wird vieles einfach gegeben oder getauscht. Überall gibt es Ratschläge und Hilfestellungen, für den Garten, für den Hausbau. Beziehungen und gute Kontakte sind hier wesentlich. Noch ist diese Lebenswelt weitgehend intakt. Hierro ist klein, in den Dörfern kennt sich fast jeder. Dass die Jugendlichen fortgehen, dass die landwirtschaftlichen Flächen brach liegen und zu kleinen Spekulationen dienen, sind Anzeichen, dass auch hier kapitale Veränderungen anstehen. Das beschwerliche, das einfache Leben wird langsam sozial abgewertet, die Selbstversorgung schwindet, aber die Ruhe ist noch da. Die Randständigkeit Hierros und die schlechte Anbindung verhindern zügige Rationalisierungen.
Fran und Wolfgang arbeiten meist nicht für Geld. Das Geld zerstöre Beziehungen, Freundschaften, die doch wichtiger seien. Bei ihnen ist das keine anti-kapitale Haltung, sondern eine lebenspraktische Erfahrung. Insbesondere das Saatgutwissen wird geteilt. Immer wird ausprobiert, welcher Samen wo wie gut keimt und welche Pflanzen besonders gut gedeihen. Auch Franz, der seit 30 Jahren immer wieder auf die Insel kommt, bringt regelmäßig Tomatensamen mit. Auch er berät mich im Baumschnitt. Da jeder Baum ein mehr oder weniger krummes Individuum ist, ist es schwer einzuschätzen, welche Zweige nun das Wachstum durcheinander bringen und welche es zu stärken gilt. Auch nach sechs Jahren fühle ich mich als Anfänger. Haupttrieb, Zweige erster, Zweige zweiter Ordnung: Es ist nicht ganz einfach für mich, das zu gut erkennen, da häufig der Haupttrieb fehlt. Auch die Symmetrie bleibt ein Rätsel; die Literatur rät zu vier Ästen, Wolfgang zu fünf. Die schöne Krone will nur langsam werden, da die Mitte luftig bleiben soll und alle Triebe, die nach innen wachsen, entfernt werden sollen. Wir werden einige kleine Gewichte an die zu steil wachsenden Äste binden (müssen). Am Ende bleibt bei zwei unserer sehr hohen Zitronenbäume, die nicht mehr tragen, wahrscheinlich nur der radikale Verjüngungsschnitt. Noch bin ich nicht entschieden.
All diese Frage und Antwortsuchen einer gelingenden Permakultur sind orts- und zeitgebunden. Es gibt in der Lebenswelt und in der Natur keine eindeutigen, standardisierten Antworten. Die Zwischenräume sind je verschieden, jahreszeitlich abhängig und auch zwischen den Gewächsen (wer mag wen?) gibt es keine eindeutigen Antworten. Wie müsste dann ein agrar- bzw. umweltwissenschaftliches Studium aussehen? Wie lässt sich die wirkliche Qualität (der Gewächse, der Gärten und Landschaften) ermessen? Wie können wir uns lebensweltlich und natürlich bilden? Wie könnte ein gelungener Rückbau unserer gesellschaftlichen Systeme aussehen?
19 Das andere Haus: Das kleine Holzhaus, die Hütte, will seit drei Jahren nicht werden. Es ist eine Baustelle, die uns zuweilen entmutigt. Der Holzhausbauer ist äußerst unzuverlässig, es gibt – außer Aida, die sehr viel zu tun hat – keine anderen Holzhausexperten, die Materialbeschaffung über Teneriffa ist kompliziert und zwei unserer Kinder, die das Haus evt. fertigstellen können, sind nicht vor Ort. Dass guter Wille allein nicht ausreicht, ist bei allen ökologischen Zukunftsprojekten klar geworden. Die sozialen Aspekte scheinen entscheidend: Regeln, Absprachen, Zusammenarbeit, konkrete Organisation überfordern im lebensweltlichen, ritualisierten und gewohnheitsmäßigen, Handeln die Menschen. Dafür haben sich soziale Systeme – insbesondere Wissenschaft, Wirtschaft und Politik – etabliert. Sie funktionieren – oder eben nicht. Sie rationalisieren und kolonisieren die Gewohnheiten und Verbindlichkeiten der Lebenswelt – durch Geld, Wissen, Macht.
Nur mittels dieser Systeme scheint das andere Haus, die andere Gesellschaft entstehen zu können. Überall wird mittels Geld und Macht (Politik) neue Technik installiert, werden Programme entworfen, Expertinnen gefragt, Beratungsfirmen und NGOs vermitteln und die Medien entwerfen scheinbar stimmige Bilder dafür. So entsteht nicht das andere Bewusstsein, nicht das andere Leben. Mit unseren Projekten (Haus, Garten, Permakultur) machen wir uns ebenso abhängig von systemischen Technologien: Fotovoltaik, Elektrizität, Herd, Handwerksgeräte, Pumpen. Einzig im Gartenscheint es anders: Alte Sorten werden uns geschenkt, die Gartenwerkzeuge entstammen hier und da noch alter Handwerkskunst. Die Trockenmauern sind ein schönes Beispiel: mit oder ohne Zement. Kaum noch jemand beherrscht noch das Mauern ohne Zement. Ähnlich ist es mit den Verbindungen beim Holz. Der Transport/Verkehr der Güter und Menschen entreißt uns endgültig unserer traditionellen Lebenswelten.
So scheint uns nur diesen anderen Weg zu geben: eine geschickte, halbwegs stimmige Verbindung der lebensweltlich-handwerklicher Seite mit seinem systemisch-technischen Pendant. Doch wie kommen wir so der Natur näher? Wie gelingt so meine „natürliche Transition“? Ganz zu schweigen von einer entsprechenden gesellschaftlichen Transformation? Natur und Gesellschaft entfernen sich weiter und weiter. So lange lebensweltlich-handwerkliche Prozesse weiterhin erodieren, wird die gesellschaftlichen Naturvergessenheit nicht zu stoppen sein. Einen Baum zu pflanzen ist das eine. Einen Baum so gut es geht gedeihen zu lassen, seine Früchte zu ernten, ihn zu pflegen und einzubinden in einen Garten und eine Landschaft ist das andere. Eine andere Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Bäume, der dazugehörigen Bodenlebewesen, der Luft, der Energien und des Wassers. Ohne einen radikalen Umbaus der Landbewirtschaftung bleibt das andere Haus nur ein nettes Ornament.
20 Tuneros: Ein Bild scheint den Schwierigkeiten des anderen Hauses nahe zu kommen: Unsere Tuneros (Kakteen). Es ist seit Mitte Oktober Tuno-Ernte hier oben möglich. Die Tuno-Feige wird kaum noch geerntet: die Verarbeitung langwierig, viele Stacheln müssen aus den Fingern entfernt werden; erst dann kann ich den Tunosaft trinken. Das erfordert bei mir 15 Minuten Arbeit für ein Glas wunderbaren Tuno-Saft. Nirgendwo wird er angeboten. Dafür Orangensaft aus Orangen aus der Region Valencia. Der bringt je nach Lokalität 2,50 Euro ein. Die Kakteen wuchern, stechen, aber man könnte aus jungen, getrockneten Blättern Mehl machen; aber es gibt billiges Weizenmehl. Aus alten Kakteenblättern lässt sich wunderbarer Kompost machen. Auch hier bedeutet das relativ viel Arbeit. Sie müssen in Streifen geschnitten werden, sonst treiben sie aus; Muttererde lässt sich kaufen. Saft, Mehl, Kompost – was wollen wir mehr? Die andere, die natürliche Welt ist mühsam. Belastung. Das einfache, das andere Leben ist mühselig. Zum Glück nehmen wir uns Zeit dafür. Aber die muss man „haben“. Tunos gibt es umsonst, sie wachsen hier oben in jedem Barranco. Sie ertragen das wechselnde Wetter und den flachen Boden.
Die meisten Menschen haben keine Zeit, da wenig Geld. Alle Systemleistungen werden systemisch entgolten. Irgendjemand zahlt dafür. Für die wesentlichen Bedürfnisse: Gesundheit, Bildung (Kultur), Ruhe (Religion), Wissen und Recht muss gezahlt werden, denn irgendjemand arbeitet dafür: Geld und Natur gehören verschiedenen Welten an. Eine andere, eine natürliche Gesellschaft wird nur ohne Geld-Logik existieren können. Alle „Ökosystemleistungen“ (u.a. Boden, Wasser, Sauerstoff, Energie, Ruhe, Schönheit, Saatgut) können nicht alle entgolten werden. Gesellschaft und Natur werden erst dann kein Widerspruch mehr sein, wenn Übergange, Zwischenräume, Unterbrüche zwischen Gesellschaft und Natur gefunden werden. Daran erinnern die Tuneros. Sie stehlen nicht Zeit, sie sind so, wie sie sind: ein stacheliges Naturwunder. Sie erinnern mich an das stachelige Dasein des Menschen.
21 63: Wir sind nun wieder zwei Monate hier. Vieles ist schön, stimmig. Vieles stimmt nicht. Das Holzhaus wird nun von uns als Familie fertig gestellt werden müssen. Sowohl der Holzbauer aus Teneriffa hat uns am 12.12. endgültig abgesagt und auch die deutsche Zimmerfrau aus El Hierro, die uns das Dach erneuert hat, meldet sich nicht. So stehen wir alleine und warten auf zwei unserer Kinder, die sich mit Schreiner- und Tinyhouse-Arbeiten auskennen. Wir wissen es nicht, ob Eigenarbeit die richtige Lösung ist. Zwar mag das andere Haus vor allem durch uns fertig gestellt werden, aber die andere Gesellschaft wird nicht ohne Arbeitsteilung auskommen. So lokal wie möglich. Aber die Revitalisierung lokaler Handwerkskünste gelingt nicht. Wie das alte Saatgut, wie die natürlichen Arten, so geht das alte Selbstversorgungswissen verloren. Ob das unwiederbringlich so ist, weiß ich nicht.
Zuletzt habe ich meinen 63. Geburtstag im kleinen Familiekreis hier gefeiert. Mir viel auf, dass dies nun ein großer Abschnitt ist: die dritten 21 Jahre enden. Neun mal sieben Jahre sind vergangen. Hier enden viele Leben. Das andere Leben könnte nun beginnen. Nicht mehr kapital zu denken, zu fühlen und zu wollen könnte, wirklich geringer zu werden, nicht mehr Recht behalten zu wollen, wann sollte es sonst wirklich werden?
22 Die Energiefrage: Durch Energieknappheit und Inflation stellt sich die Preisfrage für Energie von zwei Seiten. Angebot und Nachfrage. Die angebotene Energie ist (endlich) knapper, da teurer. Als Grüner erinnert man sich an die 5 DM/Liter Benzin-Debatte. Endlich, kann man sagen, zeigt der Preis die Knappheit. Doch die Inflation Dank Coronapolitik/Verschuldung, Energiepreiserhöhung und Mitnahmeeffekten verknappt die Nachfrage weiter. Auch gut, könnte man sagen. Nur: Wenige sagen es. Unterschicht und Mittelschicht leiden. Gut ist es da, Energiespeicher zu haben: Ob Holz, Pinienzapfen oder Sonnenenergie in einer Batterie.
Auf El Hierro sind die Energiepreise nur wenig gestiegen. Tunesisches Erdgas, spanisches, subventioniertes Erdöl und Wind-/Sonnenenergie belassen die Preise da, wo sie sind, im Keller. Unsere Batterie (10 KW) sammelt täglich mehr als genug Sonnen-Strom für zwei bis drei Personen. Wenn aber fünf Personen „normal verbrauchen“ (Elektro-Heizung, Warmwasser, Herd/Backofen, Kühlschrank, Waschmaschine etc.), sind auch 10 KW ziemlich schnell verbraucht. So geschehen. Mein sachlicher Hinweis, wir müssen sparen oder sehr bewusst die Energie einsetzen, sonst ist die Batterie „leer“, wurde nicht entsprechend ernst genommen. Zwei Tage schrappten wir trotz viel Sonne am Energieengpass knapp vorbei. Das Wärmebedürfnis scheint sehr verschieden und sehr unterschiedlich dringlich. Die Debatten, wer bestimmt, wieviel verbraucht wird, wer kontrolliert den Batteriestand, waren nervenaufreibend. Obwohl gerade auch die drei Jüngeren (22-32, zwei eigene Kinder und eine Partnerin) „ökologisch sensibilisiert“ sind, obwohl sie politisch geschult („links“) sind, sind sie in dieser Allmendefrage ungeschult, dafür aber dennoch diskussionsfreudig. Die andere Gesellschaft wird so nur unter großen Schmerzen entstehen, gerade weil alle meinen, Recht zu haben und Energierechte zu haben: gerade in der „mitmarschierenden Gegenkapelle“, so wie Ulrich Beck die Kritikerinnen und Alternativen bezeichnete, zeichnen sich Unzufriedenheiten ab. Die Suffizienzdebatte ist selbst in ökologisch klugen Kreisen noch nicht hinreichend angekommen. Der gesellschaftliche Streit ist da. Eine Person „floh“ entnervt nach Deutschland.
Aus der ordnenden Gesellschaft und aus der ökologischen Frage lässt sich nicht aussteigen. Doch wie entsteht dann die andere Gesellschaft? Ich hoffe und vermute: von innen nach außen, von unten nach oben. Man könnte auch romantisch sagen: aus der Mitte heraus.
23 Die Ordnungsfrage: Im soziologischen Denken ist die Ordnungsfrage die Basis für die soziale und die ökologische Frage. Erst muss das Haus da und aufgeräumt sein, bevor man sich fragt: Wieviel Geld haben wir, wie handeln wir ökologisch und sozial? Das Aufräumen und die Reste zu ordnen bzw. zu beseitigen werden sozial mit wenig Wert und Anerkennung ausgestattet. Wenn die Ordnung nicht da ist, wenn Verwahrlosung droht, werden wir sozial geächtet. Doch wer räumt auf, wer sorgt sich und entsorgt? Irgend jemand muss den Müll beseitigen, die Toiletten reinigen, auch wenn der Staat dafür ein hohes Maß an Infrastruktur bereit stellt. All das kostet viel Energie.
24 Plötzlichkeit: Plötzlich öffnet sich der klebrige Zustand. Ein kurzer Aufenthalt auf Lanzarote und Teneriffa gibt es neuen Mut und Kraft. Aus dem Nichts tauchen plötzlich Aida, Jürgen und Lutz auf. Zwar war dies nicht unwahrscheinlich, aber unser Optimismus war deutlich gedämpft. Heute, 14.2.23, sind alle da, die nötig sind, dass das andere Haus entstehen und fertiggestellt werden kann. Das alte Haus wird nach Süden (Eingang, Küche, Essraum, Fenster) im altkanarischen Stil erneuert. Der Projektleiter war heute da. Auch einen Fensterbauer soll es (doch) noch auf der Insel geben. Nachdem der Garten nun seine weitgehend gültige Gestalt mit Bäumen und Sträuchern gewonnen hat, wird nun das 100 Jahre alte Haus erneuert.
Der lange Vorfrühling, der hier Winter genannt wird, ist nun am 7.3. vorbei. Es wird deutlich wärmer. Dadurch, dass es hinreichend geregnet hat, breiten sich Gelbblütler, Gras, Wicken und Winden rasant aus. Die Wege und Zwischenräume werden gehegt und befreit. Die Bäume erhalten ihre schönen Baumscheiben zurück. Pfirsich und Mandel stehen in voller Blüte, nun kommen Kirschen, Orangen und Zitronen hinzu. An solchen Tage, in solchen Zeiten spüren wir, warum wir hier sind, hier oben bei den Wolken, der Sonne näher.
Nun am 26.3. ist es plötzlich Sommer, über 25 Grad. Alles ist grün, alles blüht. Es sind Tage, die dem Mythos der Kanaren nahe kommen. Es kann keine schöneren Tage geben. Eine erhabene Aura legt sich über alles. Ferne und Nähe verschwimmen ineinander. Ich wünsche mir, dass es ewig so bleiben möge. Vögel, Hühner, Eidechsen und die Bäume sind in gehobener Stimmung. Es ist eine Lust, all das einzuatmen. Es ist eine Lust die fremde und eigene Energie zu spüren, die Aura zu genießen.
25 Regenwürmer: Es ist Ende März. Heute ist es warm, 23 Grad, sonnig, Alisio. Die Stimmung ist ätherisch, teilweise glänzend. Ein guter Sonntag, um Komposte aufzubauen. Komposte sind seit Jahren für mich Urbild und Idealtypus. Ich habe vor eineinhalb Jahren versucht, eine Regenwurmkolonie anzulegen. 30-40 Regenwürmern, die ich in ein Meter fand, habe ich in eine grüne, große Tonne eingesperrt und gefüttert. Nun sind es Tausende geworden. Ich teile sie nun auf. Drei Tonnen mit Küchen- und Kaktusresten, einer 1:10 Mischung aus Urin und Wasser, lebendiger Erde, Humus gemischt mit Zweigen und Feigenblättern werden nun mit je einer Regenwurmkolonie geimpft. Deckel drauf, warten.
Natur- und Küchenreste, Kompost und Regenwürmer plus Bodenlebewesen und Bakterien ergeben in den kommenden Jahre genau die lebendige Erde, die wir benötigen, um Untergrund und Grund des Gartens zu bilden. Eine gesunde, lebendige Erde wird eine naturnahe, abfalllose Gesellschaft hervorbringen. Wenn – wie Goethe in der Cura-Fabel bemerkte – der Mensch als homo aus Lehm und Humus gemacht ist, wird die Sorge um sich selbst, ihn selbst hervorbringen. So hoffte es Michel Foucault in seinem letzten Werk.
November 2023
26 Zurück: Nun bin ich wieder hier. Ein halbes Jahr ist vergangen. Enkelbesuche, Afrikareise, Bürokratie, Wohnungssuche. Wir sind aus unserem alten Haus nun ganz ausgezogen, werden Nachbarn unserer Kinder, das Altenteil erwartet uns. Nun bin ich seit Anfang November wieder hier. Viel zu lange weg. Die reiche Pflaumen-, Tuno- und Feigenernte lief ohne uns; sie wurde verteilt, von unsern Besuchern verzehrt und zum kleinen Teil eingemacht. Ein paar Äpfel und 50 Kaki können wir noch ernten. Dann kommen – ab jetzt, Ende November – Orangen und ein paar Zitronen. Die vier Orangen-Bäumchen tragen gut, dafür dass sie erst fünf Jahre alte sind, ca. 40 Früchte. Die acht Zitronenbäume sind besser gewachsen, tragen aber nur zwanzig Früchte. Es wird alles überstrahlt vom Wetter. Hochdruck, 20-25 Grad, ein paar Wolken. Nachts 13-16 Grad. Dieser zweite Frühling hilft mir, wieder einen anderen Rhythmus zu finden.
27 Rhythmus: Das Ich verliert immer wieder seinen Rhythmus, weil es außengeleitet agieren muss. Es muss die innengeleiteten Bedürfnisse seines Man-Selbst mit den äußeren Erwartungen und Anstrengungen seines Kapitalen – ethischen wie sachlichen – Ichs abgleichen – oder auf sein Außengeleitet-Sein verzichten. Einfach gelingt es mir nicht. In der blauen Stunde aufstehen (sieben Uhr), wässern im Garten, Gymnastik mit ein paar Yoga-Einsprengseln im Stelzenhaus, dann Tee trinken, Schlagzeilen lesen, den Tag mit Dominique besprechen, um zehn Uhr frühstücken, dann Gartenarbeit, eine Stunde. Schreiben von 11.30 bis 13.00, Mittagessen vorbereiten, Mittag essen bis 14.30, Siesta bis 15.30, Kaffee, ab 16 Uhr in den Garten, schreiben, Tee trinken. Blaue Stunde 20 Minuten Yoga. Durch den Garten, Werkzeuge einsammeln, aufräumen. All das beginnt ruhig und sicher zu werden. Gärtnern, Schreiben, sich Sammeln, Essen bestimmen meinen Tag, abends Nachrichten schauen, telefonieren, spanisch lernen, 23 Uhr schlafen. Dazwischen – an zwei Tagen – zu Javi in die Casa Goyo, das Notwendige zweimal in der Woche in Valverde und in Frontera einkaufen, zwei Mal Ausflüge, aber die meisten Tage der Woche bleibt der Tagesrhythmus stabil. Ich gehe weniger im Meer schwimmen, sehe weniger Menschen. Am Wochenende bleibt der Rhythmus gleich. Die Mondrhythmen bestimmen die Garten- und Holzarbeiten.
28 Stimmung: Meine Stimmung ist gut, wenn ich den Tag rhythmisch verbringe. Und das meint tages-nacht-rhythmisch, wenn der Tag stimmt, wenn ich jahreszeitlich lebe, wenn das Wetter passt. Aber stimmt das? Meine inneren Stimmen und Stimmungen sind auch anders: missmutig, hektisch, zwanghaft, müde. Nun ist es an mir, meine inneren Stimmen mit der äußeren Stimmung stimmig zu machen, mich einzufügen. Manchmal will ich das nicht. Wenn Nebel und Wind den Tag beherrschen, kann ich zwar ein Holzfeuer machen (nicht zu viel), Plätzchen backen (genug eigener Strom?), lesen, recherchieren, schreiben, also mich ins Haus zurückziehen. Umgekehrt strebt es sich in, jeden Sonnenstrahl zu genießen. Und was meint das überhaupt? Rhythmus und Stimmung stimmen nicht immer überein. Vielleicht liegt das auch an zu wenig Übung, seltsamen Gewohnheiten und einer Biographie, die – trotz und wegen Banklehre, Agrarstudium, 12 Jahren universitärer Soziologie – Naturnähe nicht als praktischen Wert wahrnahm. Es fällt mir jedenfalls nicht so leicht, äußere Rhythmen und innere Stimmungen stimmig zu machen.
29 Holz: Nun ist es an der Zeit Holz zu machen. Die Bäume sind geschnitten, die Äste und Stämme zerlegt und zum Trocknen ausgelegt. Das Schnittgut an die Trockenmauern legen. Mittlerweile haben wir kaum noch Plätze für Schnittgut und Kompost. Fünf Kompostplätze, zehn große Schnittgutplätze, vier verschiedene Holzsammelstellen sorgen für Diskussionen: Wo? Welche Mischungen? Was ist praktikel, was ideal? Ideal wäre ein C-N-Verhältnis von 25 zu 1, damit der Kompost verrotten kann. Zudem sollten Äste gehäckselt oder zerkleinert werden – mühselig. Meine Geduld ist begrenzt. Lieber trage ich das Schnittgut unzerkleinert an die verabredeten Sammelstellen. Das nimmt zu viel Raum ein. Meine Nachlässigkeit führen zu Diskussionen. Da ich im „Unrecht“ bin, rühren sich mein schlechtes Gewissen und stärken meine relativ großen Anpassungskräfte. Holz mache ich gerne. Sie dienen dem Holzofen im Wohnzimmer, wenn es ab Dezember zu kühl hier oben wird. Feuer machen ist etwas Wunderbares, gerade wenn das Holzmachen der eigenen Mühsal entspringt.
30 Das andere Haus: Im Sommer 23 hat es mit der Stelzenhütte entscheidende Entwicklungen gegeben: Die Decke und Wände sind nun mit Holz verkleidet, die kleine Küche hat die Korpen von Benjamin erhalten, Strom wurde von Lutz gelegt und die Überdachung der Veranda ist nun Dank Aida und Jürgen fertig. Das Bad (Dusche ja oder nein?), Waschbecken und Komposttoilette und deren Anschlüsse fehlen. Das Gesamtwasserkonzept (wieviele Komposttoiletten? eine neue Dusche im alten Haus) fehlt noch. Soll es keine konventionellen Toiletten mehr geben? Wenn ja, benötigen wir dann noch für Dusch- und Spülwasser ein Dreikammersystem? Welches Lebenskonzept haben Dominique und ich, wollen wir ausschließlich im Holzhaus auf 25 qm leben? Wer und wie wird die alte Bauernwohnung von uns oder nur von unseren Kindern und Enkeln und Freunden genutzt? All diese Fragen sind noch unbeantwortet. Wird das alte Haus umgebaut? Bad, Eingang und Küche könnten modernisiert werden. Wir werden es einfach ausprobieren. 2024 ist die Hütte bezugsfertig und wir werden sehen, wie wir sie nutzen. Die Wahrheit (Bewährung) liegt im Gebrauch. Auch eine ideale Idee (das andere Haus) benötigt dennoch Funktionalität, Absprachen, Schönheit.
Um die Bad- und Küchendinge zu erwerben, sind wir mit unserem kleinen, alten Auto nach Teneriffa übergesetzt. Wir haben Dinge (Waschbecken, Griffgarnituren u.a.) gekauft, die es hier nicht in der von uns gewünschten Qualität gibt. Auch die neue Sichtfront bestehend aus vier Fenster-Tür-Elementen mussten neu auf Teneriffa gefertigt werden. Die alten Hölzer und die Schienen waren verzogen. Nun gibt es ja bereits das Veranda-/Balkonvordach in Höhe der Feigenkronen. José und sein Bruder haben sie gebaut. Sie müssen noch sicher nach El Hierro verschifft werden und dann hier von Jörg eingebaut werden. Die Stelzenhütte ist unser Traum und daher keine Thoreau-Hütte. Zumindest ich möchte hierin fest wohnen und auch nicht frieren. Auch Dominique möchte nicht bei 14 Grad in den drei kalten Monaten leben. Die Luftwärmepumpe von Hans aus Teneriffa ist bereits installiert. Sie kann über die PV-Anlage CO2-neutral betrieben werden, wenn im alten Haus nicht mehr als 10 KW verbraucht werden. Die Rückkehr nach zwei Tagen Einkaufen auf Teneriffa war wie immer eine mittelgroße Erleichterung. Viel Hektik, zudem Kalima, Staub, Autos, Weihnachtseinkäufe der Menschen in Santa Cruz. Und nun wieder unser kleiner Garten, das alte Haus und das Stelzenhaus. Nun müssen Jürgen und Lutz noch alles bis Weihnachten installieren. Einige Ecken, Kanten, Dielen müssen noch verschönert werden, voraussichtlich von Benjamin im Frühjahr.
Die Hüte soll dann offen, geheimnisvoll und schön sein; und so das andere Haus werden. Seit acht Jahren träume ich davon. Dominique träumt ebenso, verbindet aber zum Teil andere Ideen damit: Es soll gemütlich und praktikabel sein. Es ist das dritte Haus, das wir zusammen bauen, nach Marburg und Freiburg. Marburg musste verkauft werden, Freiburg haben wir den Kindern übergeben, und werden doch im Sommer bei ihnen wohnen.
31 Kompost: Im Dezember begebe ich mich noch mal an die Komposte. Umsetzen, sieben, die Erde Verbenden, um zu pflanzen. Normale gärtnerische Tätigkeiten. Und doch fühle ich mich hierbei besonders gut. Es entsteht das Essentielle: lebendige Erde. Es gelingt, aber der Ertrag von ca. dreizig Kilogramm ist überschaubar. Rechnet man das Mulchmaterial, die Humusproduktion, die Wurzelproduktion hinzu, dann kommt man auf deutlich andere Größenordnungen (300-2000 kg?). Für ein bescheidenes Leben hier auf der Finca und in San Andrés reicht das. Auch weil man noch die Ernte an Kilowatt (ca. 10-20 KW/Tag) über die PV-Anlage dazu rechnen könnte. Nun gut. So zu rechnen hat mit meiner romantischen Idee nichts zu tun. Es klingt zu sehr nach Selbstrechtfertigung. Und die interessiert fast niemand. Aber wenn ich-selbst meine drei Grundideen betrachte, wird deutlich, dass sich manches in mir geändert hat. Kontingenz, Mythologie, Ästhetik, alle drei bilden sich langsam aus, schleichen sich ein in mein, in unser Leben.
Ich möchte gerne, dass alle drei Toiletten Komposttoiletten werden. Die zwei im alten Haus und eine im Stelzenhaus. Dominique ist vorsichtiger. Sie möchte mit einer in der Hütte. Thoreau sprach – soweit ich mich erinnere – überhaupt nicht von diesen wichtigen Hinterlassenschaften; er scheint es sich einfach gemacht zu haben oder ging zu Emerson ins Haus. Für mich ist es eine Schlüsselfrage. Der moderne Wahnsinn spiegelt sich hier. In Paris wurde bis Ende des 19. Jahrhundert eine 2400 km lange Entsorgungsinfrastruktur (égouts, Abwässerkanäle) geschaffen und die „Klimawende“ werden wir nicht schaffen, wenn nicht auch diese Infrastruktur komplett verändert wird. Insofern ist die Abwasser-, neben der Abluft- und der Abfallfrage essentiell für die andere Gesellschaft. Warum soviel wertvolle Düngung (Kot, Urin) als Giftschlacke endet, bleibt eine ungeklärte Frage. Viele Forschungsmittel fließen hierhin, die Antwort ist jedoch denkbar einfach. Oder auch kompliziert: Die normale Gesellschaft ist völlig verfehlt arbeitsteilig organisiert. Nun haben sich alle daran gewöhnt.
32 Heizen: Es wird „Winter“, das heißt tagsüber 14-15 Grad, nachts 9-10 Grad. Das alte Haus kühlt aus, 17 Grad. Wir beheizen einen Kamin im Wohnzimmer morgens und abends. Die Debatte in Deutschland (Heizungsgesetz) ist uns fremd. In Freiburg haben wir vor 15 Jahren eine Geothermie-Anlage und 2023 eine PV-Anlage mit Batterie einbauen lassen (5 KW). Zu viel Technik, aber warum nicht? Wie sonst ist der persönliche CO2 Fußabdruck zu senken? Geht es um die Strukturen (Industrie, Infrastruktur, öffentliche Gebäude, Systeme, Kriege!) oder die superreichen Eliten (ihre Anwesen, Schwimmbäder, Flugzeuge oder Schiffe) oder um den „den kleinen Mann“ (common man, Mittelschicht)? All das scheint ein Verschiebebahnhof zu sein. Soll alles eingepreist (CO2) oder gesetzlich geregelt werden?
33 64. Geburtstag: Mitte Dezember, nun ist es soweit, die Rente ist da. Ich spüre, dass der Übergang vollzogen ist. Acht Jahre Ausbildung/Promotion. 33 Jahre Arbeit, davon 14 an der Universität und 19 an zwei Schulen. Eine kleine Rente, 1000 Euro; zum Glück gibt es noch die Erbschaft. Das Gefühl, mich jetzt in Haus und Garten zurückziehen zu wollen. Das alte Haus übergeben. Die Hütte ist fast fertig. Der Garten ein Paradies. Der Feuer züngelt vor sich hin. Ich schreibe. Gleich werde ich ein paar Stechpalmen die alten Blätter abzupfen. Sie sollen schön und erhaben aussehen. Die neuen Bäume sind gepflanzt. Dominique ist im Sonnenuntergang im Garten. Der Tee ist aufgesetzt. Es ist kurz nach fünf Uhr. Ich bin zufrieden.
2024
34 Wasser: 2023 endet warm und sonnig. 19 Grad mittags, 12 Grad nachts, auch hier oben in den Bergen. Die Mandelblüte zeigt sich bereits, ebenso stehen Hibiscus und Orangenbaum in Blüte. Ein wenig früh, aber in den letzten Jahren nicht unüblich. So lange es in Mitteleuropa nicht unter 0 Grad ist, bleibt es hier auch warm. Erst Anfang/Mitte Januar wird es deutlich kühler. Es hat seit fünf Wochen nicht mehr geregnet, während in Deutschland „Land unter“ ist; für die nächsten zwei Wochen ist kein Regen in Sicht. Ich werfe einmal in der Woche für drei Stunden die Tröpfchen-Bewässerung an, doch einige Pflanzungen und Beete müssen händisch bewässert werden. Täglich trage ich das Küchenwasser (ca. 15 Liter) heraus, verdünne es wie üblich mit Urin und gebe es vor allem den vier Avocado-Bäumen und den acht Zitrusgewächsen. Die Wasserorganisation wird in 2024 im Mittelpunkt stehen: Komposttoilette und Abwassersammlung (per Dreikammersystem) werden spätestens im September da sein. Wir beginnen mit einer Komposttoilette in der Hütte im März. Unsere Zisterne (15.000 Liter) ist erst zur Hälfte gefüllt. So benötigen wir auch „Straßenwasser“, das energieaufwändig entsalzen und hochgepumpt wird. Dass Wasser und Leben mythlogisch gleichbedeutend sind, wird vielen in Mitteleuropa erst langsam wieder klar. Man liest von Wasserkriegen, vom Wasserkonflikt Israel-Palästina ganz zu schweigen. Dass Israel vermutlich das ausgeklügeltste Wassersystem weltweit hat, durften wir bereits vor knapp 40 Jahren während unseres Agrarstudiums kennenlernen. Aber auch die Geopolitik Israels kreist im Westjordanland ums Wasser. Auf El Hierro gehören Wasserkonflikte (günstiges agua rural für die industrielle Landwirtschaft im Tal, teures Entsalzungswasser in den Bergen) ebenso zum Alltag. Die Pragmatik und Politik ums Wasser beseitigt die Köstlichkeit, Gesundheit und Mythologie des Wassers.
35 Erneuern: Wir haben diese Finca und das dazugehörige 100-jährige Haus 2015 gekauft. Insbesondere der Garten mutete und mutet paradiesisch an. 3000 Qm vielfältigste Natur: verschiedenste Zier- und Nutz-Baum- und Straucharten, die wir mit in den letzten Jahren um Obstbäume und -pflanzen ergänzten. Nun ist der Garten so, wie wir es uns vorstellten: in jeder Jahreszeit blüht etwas. Immer können wir etwas ernten. Nun werden die Gebäude ergänzt: eine Holzofensauna für die kalte Jahreszeit wurde ökologisch umgebaut. Die Hütte im Feigenhain ist praktisch fertig. Nun kommen das alte Haus und das Gewächshaus an die Reihe. Hier wird es schwierig. Lacke auf Holz (Terrasse, Außenmöbel) blättern ab, das nicht uv-beständige Plastik, mit dem das Gewächses umhüllt ist, muss weg, es zerfällt langsam. Was mit der industriellen rationalen Moderne eben auch einzog, sind Gifte, tausende Gifte. Ihre Wirkungen sind weitgehend unbekannt. Gut, dass es Masken gibt. Die Entsorgung des Gifts ist hier weitgehend die Restmülltonne, dann gehts nach Teneriffa, dort – soweit ich weiß – in die Müllverbrennungsanlage. Wohin die hochgiftigen Schlachten gehen, weiß ich nicht. Man muss nicht alles wissen.
35 Senegal: Eine andere Folge moderner Kolonisierungen und Rationalisierungen ist die Migration. Das Leben in Europa scheint erscheint einfach und Geld lässt sich auch verdienen (Arbeitskräftemangel). Zudem sind die Bedingungen in den Heimatländern alles andere als erbaulich: Die Meere sind leergefischt, der Elektroschrott wird nach Afrika geschifft, die natürlichen und mineralischen Ressourcen gehen dafür nach Europa, das mit Entwicklungshilfe, „allgemeinen Menschenrechten“ und Frontex dankt. Auf El Hierro kommen mehr Flüchtende an als auf Lampedusa. Die FAZ titelte in einem etwas beschönigenden Artikel: „Das Anti-Lampedusa“. Viele helfende Hände, Fußball, Lucha Canaria (ein Ringkampf), Sprachkurse. Die über 18-Jährigen werden nach Teneriffa geschafft und von dort hauptsächlich wieder zurück in den Senegal. Wenn irgendwann mehrere Hundert Minderjährige hier anwesend, wird es eng. Die Notunterkünfte reichen dann nicht mehr. Mal sehen. Der EU-Flüchtlingspakt wird es schon richten. Wie man verhindern möchte, dass junge Männer auf ihre Fischboote steigen, bleibt uns ein Rätsel. Wir können nicht mehr, als freundlich zu bleiben und helfen.
36 Fernsehen: Täglich schauen wir Arte, zuweilen Tatort und selten die lästigen Talkshows. Wir sehen scheinbare Bewegungen. Dass die Demonstrationen gegen rechts etwas bewirken, bleibt fraglich. Sie sind politisch richtig, kosten nichts, aber moralisch korrekt. Sie sind wie die Klima- und Bauerndemonstrationen eine „mitmarschierende Gegenkapelle“ (Beck). Das eigene Leben und die eigene Gesellschaft ändern ihren kolonisierenden und gewalttätigen Charakter nicht, wenn nicht massenhaft Verhaltensänderungen erfolgen; hin zu mehr Lebenswelt und Natur, hin zu mehr Sinnlichkeit und Sorge. Ob das Heizungsgesetz „schlecht gemacht“ ist, ist dabei sekundär. Primär ist, viel weniger und anders zu heizen. Wenn die Liberale Demokratie nicht das eigene wirtschaftliche und gesellschaftliche Handeln grundsätzlich verändert, wird sie gegenüber autoritären Lösungen (China, Indien, Saudi-Arabien) keinen Bestand haben. Eine ausbeuterische und kolonialistische Wirtschaft setzt in ihrem „Weiter-So“ auf „große“ technische Lösungen (KI, Bio- und Gentechnologie, Windparks, Kernfusion). Solange eine extraktivistische Wirtschaft/Wissenschaft fortbesteht, werden sich internationale Abhängigkeiten und Neokolonialismus verstärken. Die Kriege in Israel und der Ukraine sind in erster Linie Kriege um Boden, Rohstoffe und Wasser; wer über die physischen Faktoren herrscht, wird scheinbar die politische Macht behalten. Wie meinte Chruschtschov gegenüber Kennedy vor mehr als 60 Jahren: Wir verfügen über alle Ressourcen, die wir zum Aufbau unserer Welt benötigen: eine zerstörerische Illusion. Die Migrationen auf der Welt sind auf der Suche nach Teilhabe an Geld, Macht, Technik und Bildern, diesen großen kolonialistischen Medie. Sie sind die Suche nach verheißungsvollen, aber zerstörerischen Illusionen. Ohne Beendigung des kolonialistischen und extraktivistischen Denkens in Ost (China) und West (USA, EU), in Nord (Russland) und Süd (Brasilien, Indien) wird die Menschheit keine Zukunft haben. Die imperiale und neokoloniale Ausbeutung für 10 Milliarden Menschen wird alsbald zu Ende gehen – durch Selbst-Zerstörung oder Selbst-Veränderung. So richtig der Begriff „Nachhaltigkeit“ seit 1992 tönt, er hat eine weitere Illusion geschaffen: Ohne Maß und Verzicht (auf die eigene Gier) wird der notwendige Umbau gelingen. Für solche Illusionen hält die moderne Gesellschaft Institutionen bereit: Die Psychiatrie. Der therapeutische Bedarf wächst nicht ohne Not. Doch nur in der Selbst-Therapierung wird die andere Gesellschaft werden können. Diese Selbst-Therapierung gelingt nicht von alleine, gelingt nicht autonom, gelingt nicht als Selbst-Optimierung. Sie benötigt die Natur ebenso wie den anderen Menschen.
37 Ganzjährige Ernte: Die letzten Früchte haben wir Ende Januar geerntet: Avocados, Orangen, Zitronen. Auch die Kartoffeln werden nächste Woche geerntet. Dann kommt auch hier oben eine Art „Saure-Gurken-Zeit“. Von Februar bis Mai werden hier in den Bergen keine Ernten mehr folgen. Wir müssen uns dann auf die biologischen Erträge des Golfo-Tals und den warmen Regionen Teneriffas zurückgreifen. Was wir eingemacht haben, ist nicht der Rede wert. Wir leben nicht ganzjährig hier und zudem ist unsere Tomaten-, Auberginen- und Paprika-Produktion viel zu gering. Unser Ernährung (Müsli am Morgen, Kartoffelgerichte mittags, Brot und Aufgewärmtes abends, zudem Tee, Wasser und Wein) können wir nicht selbstversorgend produzieren. Selbstversorgung und Selbstsorge können (und wollen) wir nicht verwirklichen; Austausch bleibt sozial elementar; auch Thoreau ging bei Emerson essen. Aber wir wollen wissen, wer unsere gekauften Produkte erwirtschaftet. Die Kanaren sind diesbezüglich ein Paradies. Ganzjährig können wir fast alle Lebensmittel biologisch auf unserer kleinen Insel beziehen. Ausnahmen sind Getreide, Olivenöl, Butter, Hafermilch. Doch El Hierro birgt praktisch alle lebensweltlichen und natürlichen Potentiale, die für eine andere Gesellschaft wichtig sind. Hier gehören Gesellschaft und Natur noch weitgehend zueinander.
38: Verzapfung und Leisten: Jörg/Jorge ist der einzige deutsche Schreiner auf El Hierro. Er lebt hier seit über 30 Jahren und wohnt und arbeitet in Los Jorales bei Guarazoca. Er hat die Küche unten im alten Haus eingebaut und einige Möbel. Die neue Glasfronttür in der Stelzenhütte hat der eingesetzt. Nun kommen die Fugenarbeiten. Jorge arbeitet mit größter Genauigkeit. Nun schneidet er Leisten. „Es könnte passen“, so kommentiert er die Zwischenschritte. Dieses Schritt für Schritt vorgehen, scheint mir elementar. Im Hauruckverfahren wird nichts handwerklich genau. Es geht im Hausbau immer auch um Detaillösungen an Schnittstellen und Fugen. „Es muss ja stimmen“. Überträgt man dieses Bild auf die Gesellschaft, so wird klar, dass der Umbau der alten Gesellschaft nur mit Handwerkerinnen und Bauern gelingen kann. Ohne ihre Erfahrungen wird keine andere Gesellschaft entstehen. Man könnte es ökologische Qualitätsarbeit nennen, die gefordert ist. Doch gehören grobe Arbeit (Zimmerei) und feine Verzapfung (Schreinerei) zusammen. Verzapfung und Fugenarbeiten sind Sinnbilder.
39: Der Einzug (März 2024): Die neue große Glasfronttür nach Südosten ist eingebaut. Der Kork im Bad ist gelegt. Die Installationen in Bad und Küche erfolgen in der nächsten Woche. Die Komposttoilette kommt in drei Wochen. Der Einzug ins andere Haus läuft sukzessive. Wir tragen Möbel hinüber: ein altes Sofa, zwei Stühle, einen alten Tisch. Ich verbringen täglich mehr Zeit im anderen Haus, die eigentlich ein Tiny House auf Stelzen ist. Die Zeit gemeinsam ist vor allem morgens und abends, insgesamt drei Stunden, manchmal Siesta. Das Schreiben erfolgt nun immer wieder hier in der Hütte. Bis Ende März wird sich der Übergang vollzogen haben. Viele Ecken und Kanten sind grob und müssen noch mit Leisten versehen werden; Zimmerei ist keine Schreinerei. Dass Leisten eine Art ästhetischer Notwendigkeit sind, hätte ich nicht gedacht. Erst sie geben die Form. Ohne Silikon geht es nur mit Leisten. Im Ideal wäre so genau gearbeitet worden, dass die Fugen winzig wären; eine Illusion. Nun wird hier und da nachgebessert und angepasst. Wo die Möbel stehen werden und wie viele Dinge wir mit hinübernehmen ist noch unklar. Klar ist, dass wir uns auf das „Minimum“ beschränken. Ob dann es dann „stimmt“, ob die Atmosphäre in der Hütte „gut“ ist, wissen wir noch nicht. Wir ahnen es. Denn der Duft des Holzes und viel frische Luft machen das Haus durchlässiger, natürlicher Stimmigkeit.
40 Stimmigkeit: An den Orten, an denen wir uns aufhalten, vor allem in Freiburg und auf El Hierro, entstehen „Altenteile“. Wir nabeln uns von unseren erwachsenen Kindern ab. Wir besuchen sie. Sie besuchen uns. Unsere Familie ist in den letzten zwei Jahren um zwei Enkel gewachsen. Sie leben in Italien, demnächst in Burundi und eines noch in Freiburg. Wir hier. Wir reisen den Kindern und Enkel hinterher; drei von ihnen leben zur Zeit im alten Haus in Freiburg; für uns ist dort kein Platz mehr. Wenn sie uns hier auf El Hierro besuchen, benötigen sie mehr Platz und wir weniger. Ob wir einmal in nur einem Altenteil leben, wissen wir nicht. Unsere Zukunft ist ungewiss. Die Orte dazu auch. Eigentlich wollen wir in einer Generationen übergreifenden Kommune leben oder auf einem „green care“-Bauernhof, mit Eseln und Hühner. Was dann aus El Hierro wird, was aus dem Stelzenhaus wird, bleibt offen. All der ganze Aufwand (Umbau, Permakultur, Reisen), den wir betreiben, dient erst einmal uns beiden: Diese Versuche drücken unser Selbstverständnis aus. Es gibt kein Ziel. Vielleicht gibt es auch keinen Weg, sondern lediglich tastende Versuche, Sinnlichkeit und Sorge. Aus ihnen könnte Stimmigkeit entstehen. Wenn das Zueinander-Gehören wesentlich für uns ist, dann wären Stimmigkeit und Aura wichtige Kennzeichen dafür. Das Zueinander-Gehören mit Haus und Garten, Kindern, Freunden, Fremden und allen Pflanzen, Vögeln und Hummeln ist unser Leben. Draußen singen die Kanarienvögel.
41 Individualität und Lokalität: Es gibt die wissenschaftlichen Dogmen und Verfahren. Wissenschaft ist wie Wirtschaft und Politik eine kapitales System, nur dass es nicht um Geld und Macht, sondern um Wissensakkumulation geht. Universalismus, Reproduzierbarkeit, Doppelt-Blind-Versuch, peer review Verfahren, Berufungsverfahren, Ausbeutung der Mitarbeiterinnen; all das dient der eigenen Veröffentlichungsliste und dem Zitiert-Werden.
Wir haben genetisch identische Baum-Arten in je vier Meter Abstand in die selbe Erde gepflanzt: Olive, Pfirsich, Avocado. Jeweils wächst der eine der beiden gut, der andere mäßig. Gleiche Wässerung (1:10 Wasser-Urin-Mischung) am gleichen Tag. Das ist normal-wissenschaftlich weder erklärbar noch reproduzierbar. Mit den biodynamischen, permakulturellen (Kleinklima!), homöopathischen und unterirdisch-energetischen Wirkweisen hingegen kann das Ergebnis (der Baumertrag) nicht reproduziert werden, weil es immer anders ist; diese andere Seite wirkt mit. Jedes Lebewesen ist individuell und benötigt entsprechend Sinnlichkeit und Sorge; und die Zwischenräume der parallelen Welt, die sich jeder Beobachtung und jedem Messerfahrens logisch entziehen.
42 Wolle: Auf El Hierro wird die Wolle der geschorenen Schafe weggeworfen. Nun gibt es eine Initiative von Beatriz, diese Wolle zu sammeln und zu nutzen. Dabei wäscht, spinnt und verarbeitet Beatriz diese Wolle kunstvoll. Ihre äußerst fein gewebten, fast durchsichtigen und hocheleganten Kleidungsstücke wurden auf der Madrider Modemesse getragen. Heute haben wir sie in ihrer provisorische Werkstatt, einer Bauruine, und der dazugehörigen provisorische Unterkunft am Meer besucht. Die Werkstatt ist Werkraum und Atelier. Ein ca. fünfzig qm großer Raum voller erhabener Dinge, Naturmaterialien, voll Phantasie und Aura, verwunschen am Ende einer staubigen Straße. Der Wind pfeift, manchmal tröpfelt es auch hinein. Dominique möchte mit Beatriz eine Initiative zur Verarbeitung von „überflüssiger“ Wolle starten samt größerer Werkstatt für interessierte Spinnerinnen und Weberinnen. Doch die Weiterverarbeitung von Wolle hängt an der Wanderschäferei. Noch gibt es hier zehn Wanderschäfer. Acht sind alt. Lediglich zwei jüngere sind dabei. Alle wandern hier oben in den Bergen. Manchmal stehen die Schafe vor unserem Eingang und grasen gegenüber. Eine Welt, die zu versinken droht.
43 Toilette: Endlich ist die Trenntoilette angekommen. Nun ist sie in der Holzhütte, dem Stelzenhaus, eingebaut von Lutz. Urin und Kot werden getrennt. Der Urin wird 1:10 mit Regenwasser verdünnt, der Kot verbuddelt und dann verkompostiert. Die Urin-Wasser-Mischung geht v.a. an die Avocado- und Zitrusbäume. Ob wir die alten Toiletten im alten Haus austauschen, bleibt offen. Das Brauchwasser im alten Haus werden wir ab September in einem kleinen Teich sammeln, wenn der Küchen- und Badbereich dort erneuert wird. Die Entsorgung rund um die Körperausscheidungen ist unkompliziert und dennoch üben einmal falsch eingeschlagene Wege und Techniken – wie immer – eine fatale Sachzwanglogik aus: z.B. die gesamte Abwasser- und auch Abfallinfrastruktur; dramatisch gesagt: der kapitale Krieg gegen die Natur geht einfach weiter so. Vom kapitalen Sein zum anderen Bewusstsein zum anderen Sein sind zwei Übergänge samt notwendiger Übungen. Sie könnten durch Sinnlichkeit und Sorge ausgelöst werden. Erwartungen und Einstellungen alleine reichen nicht, auch wenn kapitale Soziologie und Psychologie hier anzusetzen meinen. Wir könnten hier aus der Corona-Krise lernen: „Gesellschaft im Ausnahmestadium“ an der Uni Graz 2023. Wenn wichtige Informationen in solchen Situationen derart unvollständig, pseudomethodisch und statistisch fragwürdig erhoben (Bettenbelegung, Sterblichkeit, Inzidenzen) und dennoch Schlussfolgerungen und Maßnahmen unwissenschaftlich begründet wurden („flaten the curve“), dann kann daraus kein Bewusstseinswandel folgen, sondern lediglich Verdruss. Wenn es dann nur noch – egal wie – um die politische Konstruktion von massenhafter „Folgebereitschaft“ geht, dann wird der Unterschied zur Propaganda eingeebnet. Man könnte auch sagen: Gesellschaft im kapitalen Normalmodus.
44 Selbstversorgung, Selbstsorge: Der Grad der möglichen Selbstversorgung spiegelt den Grad der eigenen Unabhängigkeit. Wie weit kann die Selbstsorge gehen, ohne die Anderen zu vernachlässigen? In gesellschaftlichen Krisen ist das Gefühl, abhängig von Essen, Medikamenten und guter Luft zu sein entmutigend, vielleicht sogar verstörend. Wenn man nicht mehr sein eigenes Leben selbst bestimmen kann, wenn auf den Staat immer weniger Verlass erscheint, dann wirkt die mediale Konstruktion von Vertrauen fatal. Man-selbst ist dann nicht mehr man-selbst, sondern nur noch Spielball („man“).
45 Umzug: Heute ist der 20. März 2024. Wir ziehen in die Hütte ein. Von 80 qm im alten Haus auf 28 qm im Stelzenhaus. Die erste Nacht ist unruhig und kurz. Viel Wind, mehr Geräusche. Die Wipfel der Feigenbäume schlagen gegen die überdachte Holzterrasse, die unseren einen Wohn- und Schlafraum nach Süd-Osten verlängert. Wir leben in der Natur, bei den Wolken. Noch ist manches provisorisch: die Küche nicht fertig, es fehlt die Tür zum kleinen Bad. Schränke und Regale sind bereits gut gefüllt. Zum Glück klappern Dach, Fenster und Türen nicht. Es sind jetzt stürmische und kalte Tage, kurz vor Vollmond; verspätete Kanarische Wintertage. Doch die 28 qm bedürfen keiner normalen Holz-, Gas oder Elektro-Heizung. Morgens und abends läuft kurz ein Luftwärmetauscher.
46 Das andere Haus: Viele Probleme des modernen Lebens scheinen aus der Perspektive des anderen Hauses wenig verständlich: Abwasser, Abluft, Bodenversiegelung, Energie; das Müllproblem bleibt, solange wir uns kaum selbst versorgen; den Verpackungswahnsinn zu lösen ist extrem dringlich, weil eine Recycling-Quote des Hausmülls quasi inexistent ist, in Deutschland um die 5 %: Im besten Fall wird Plastik verbrannt und vergessen, damit er nicht auf wilden Kippen wie momentan in der Türkei und dann irgendwie im Meer endet.
Wäre das Leben in Schrebergartensiedlungen mit hohem Selbstversorgungsanteil nicht ein Ausweg? Das KI mag ein Leben in Wohnmobilen und Schrebergärten kleinbürgerlich finden. Alternativ Wohnen und gesund Essen, wie geht das? Es gingen die alternativen Bewegungen meist von alternativen Wohnformen und gesundem Essen aus: Monte Verità, Landkommunen, Aussteiger, mobile, halbnomadische Wohnformen. Unser Umzug in eine Hütte mag voraussetzungsvoll und privilegiert erscheinen. Doch eigentlich war die Grundidee und der Bau einfach und richtig, auch wenn es vier Jahre gebraucht hat. Zwei unserer Kinder haben Dach, Innenausbau, Bett, Küche Schrank, Tisch Regale gebaut.
Die Kosten eines kleinen Holzhauses bzw. einer Hütte sind zwar nicht gering (ab ca. 30.000 Euro), doch es fehlen Normung und Genehmigungen. Das Deutsche Institut für Normung steht vielen alternativen Entwicklungen im Weg; der andere Weg ist verbaut. Es wurde 1917 unter dem Namen „Normenausschuß der deutschen Industrie“ gegründet. Das sagt alles. Es bietet den sogenannten „interessierten Kreisen“ (Hersteller, Handel, Industrie, Wissenschaft, Verbraucher, Prüfinstitute und Behörden) ein Forum, im Konsensverfahren Normen zu erarbeiten. Bis heute arbeitet der Lenkungsausschuss völlig intransparent. Die DIN-Normen sind private technische Empfehlungen; ihnen wir in der Regel gefolgt. Laut BGH 1998 können sie „die anerkannten Regeln der Technik wiedergeben oder hinter diesen zurückbleiben.“ Trotz der scheinbaren Konstruktion dieser Sachzwänge bleibt ein anderes Haus möglich. Das Hauptproblem bleibt die behördliche Anschlussgenehmigung an das öffentliche Netz.
47 Die alte Windmühle: Es gibt noch ein paar alte Windmühlen, z.B. in der La Mancha. Es ist ausgesprochen mühsam, sie zu betreiben. Man muss wissen, aus welcher Richtung der Wind kommt und das segelbetuchte Windrad umstellen, mit einer langen Eisenstange. Auf El Hierro gibt es fünf moderne Windräder, die 50% des Stroms bereitstellen. Das Pumpspeicherwerk (Pumpe, See, Turbine) ist praktisch außer Funktion. Es fehlt an überschüssiger Energie, das Wasser hochzupumpen. Anstatt die alte Windradtechnik zu (re-) etablieren und Ressourcen zu sparen, setzt man auf fehlerfällige, permanent reparaturbedürftige Technologien. Ob alte Häuser, alte Straßen, alte Brunnen zu erhalten, setzt das KI auf Beton, digitale Technologien mit seltenen Erden und fehleranfällige Speichertechnologie. Datenspeicher, Digitalität und KI werden uns retten, so die „weiter so“-These.
48 Wildkräuter: In unserem Garten gibt es viele Kräuter; Wildkräuter und Kulturkräuter. Eva hat sie uns ein paar neue gezeigt. Manche kennen wir gut, da sie hier üppig gedeihen und von uns zum Teil gepflegt werden: Rosemarin, Thymian, Minze, Lavendel, Kapuzinerkresse, wilder Fenchel, Salbei, Ringelblume. Aber auch Kaktus, Mohn, Ackersenf, Mispero, Orangenblüten, Mol (Vermouth) – so Eva – können in Alkohol oder Essig eingelegt werden. Welche Hilfe Labkraut, Feigenblätter, Orangenblüten, Andorn, Bohnenschalen sein können, war uns nicht klar. Und auch das einfache Ansetzen wurde von uns nicht genutzt. Insbesondere die Magen- und Darm sowie Galle- und Leber-Essenzen habe ich jetzt hergestellt. Man muss nicht denken, dass die Hausapotheke alles heilen kann. Aber gerade hier bewährt sich der Zwischenraum-Gedanke: Diese Kräuter wachsen v.a. in ökologischen Nischen, nebendran und begleiten andere Nutzpflanzen. Benjamins Satz „die Rettung hält sich an den kleinen Sprung“ erhält hier seine Beglaubigung. Die Wildpflanzen und Kräuter, die sich hier angesiedelt haben, sind umso vielfältiger, je mehr Zwischenräume vorhanden sind.
49 Rückgang und Sprung: Auf dem Wohlstands-Niveau zwischen 1959 und 1979 zu leben würde helfen. Man-selbst kann dahin zurückkehren: alte Techniken, geringe Wohnfläche, reduzierter Konsum, wenig Abfall bedürfen keiner großen Mühe. Wer wollte behaupten, dass dies nicht möglich sei. Selbst 1959 war das Wohlstandsniveau akzeptabel; es gab kaum Armut. 14 Jahre Wiederaufbauau reichten. Ich begann 1963 Tennis zu lernen. Mittelschicht. Wir wohnten in einem Reihenhaus in Duisburg, danach in einem Reihenhaus in einem schwäbischen Dorf, dann in einem Reihenhaus südlich von Hamburg, dann in einem Reihenhaus in Langenfeld bei Köln ab 1970. 1972 und 1974 erinnere ich gut: Olympische Spiele in München und Fußballweltmeisterschaft in Deutschland, die ich als rauschende Feste erlebte. All das sah ich in einem kleinen Fernseher in kleinen Reihenhäusern mit ca. 80 qm. Wir hatten ein Familienauto, einen DS 21, dann bauten wir 1975 ein Haus, 140 qm. Wir fuhren in die Alpen, um zu wandern. Diese siebziger Jahre erinnere ich trotz Kaltem Krieg und RAF als goldene Zeit von Willy Brandt. Er wurde früh mein Held. Er überstand ein Misstrauensvotum, das Radio lief auf dem Tennisplatz. Als er durch Helmut Schmidt abgelöst wurde, wechselte meine Sympathie Anfang der achtziger Jahre zu den Grünen: Frieden, Frauenemanzipation, Natur. Davon bleiben heute Krieg und CO2-Einspartechnologie. Der einstige Internationalismus wurde zur Rechtfertigung der Bomben auf Belgrad und nun zu einer „feministische Außenpolitik“ ohne jeden Entwicklungsgedanken ohne Sinn und Verstand. Ich folgte zwischen 1977 und 1991 einem Leben „ohne Chef und Staat“ (Stowasser). Der grüne Klüngel wurde mir zuwider. Dafür entdeckte ich ab 1993 die Zwischenräume.
Nun folge ich dem Gedanken von „kleinen Sprüngen“ in die Zwischenräume; sie sind einfach, verlangen lediglich Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Sinnlichkeit und Sorge, Ressourcen über die jeder Mensch natürlicher Weise verfügt. Was also ist so kompliziert? Ein Leben mit weniger Geld, Macht, Technik, Anerkennung ist nicht kompliziert. Die meisten tun es nicht, weil es anders ist und uns narzisstisch kränkt. Die Angst, nicht weiter mitzumachen, steigert sich zur Neurose, ausgeschlossen werden zu können. „Angstkommunikation“ und „Folgebereitschaft“ sind zu Kampfbegriffen von regierungsunterstützenden Soziologen wie Heinz Bude geworden, die die Corona-Krise explizit als Vorbild für weiteres Krisenhandeln propagieren. „Die Stunde der Exekutive“ wird durch die Verschänkung von Parlament und Regierung demokratisch mehr als fragwürdig. Wenn auch Gerichte und Medien als demokratische Kontrollinstanz ausfallen, weil sie angeblich „wissenschaftsbasiert“ entscheiden und informieren, leben wir in einer Technokratie: Eine Horrorvorstellung nicht nur für die Kritische Theorie, sondern auch für einen humanistischen Pragmatismus. Aber die Kritik an dieser Entwicklung ist das eine, Artenvielfalt und Zwischenräume sind das Andere.
Eine Theorie und Praxis von Zwischenräumen, Anderssein und Zufallsoffenheit kann uns die parallele Welt neben der technischen, verwalteten, normalen Gesellschaft plausibel machen.
50 Abreise, Essen, Danken: Wir werden in vier Tagen abreisen. Es ist an der Zeit zu ordnen, zu bedenken, zu organisieren. Abendessen mit Fran in einer Guachinche. Wir werden im September zur Feigenernte wiederkommen (und es nicht schaffen); Mai und Juni sind wir bei den Enkeln in Freiburg; Juli und August in der Schweiz; wandern und an unsere Eltern denken; zudem möchte ich am Nietzsche Stein nun auch die Asche meines Vater ausstreuen. Heute wollen wir ernten, um ein vorletztes Mittagessen aus dem Garten zuzubereiten. Die Kräuter (Thymian, Salbei, Rosmarin, Minze) habe ich vor einer Woche zum Apfelessig gegeben. Nun wird Mangold, Stangensellerie, Zwiebel, Spinat geerntet, um eine Polenta damit anzureichern. Grünen Salat, Zwiebeln, Minze vermische ich mit Blüten (Calendula, Kresse) zu einem Salat. Auch der Zitronen- und Orangensaft kommt aus unserem Garten. Dass wir so leben können, erfüllt uns. Sind Demut vor dem natürlichen Schicksal (Wetter, Artenvielfalt) und Dankbarkeit für den bewirtschafteten Boden wichtig? Für unsere Lebenswelt ja, aber nicht für die Kapitalen Systeme der Gesellschaft. Die sich daraus ergebende Paradoxie spiegelt sich in mir: Schönheit und Zerstörung, Annehmen und Ablehnen, Freude und Kritik. Die Dialektik der Moderne bleibt schwierig zu ertragen. Seit 2021 leben wir nun so, zunehmend aus dem eigenen Garten. Wir haben wieder zwei Avocadobäume gepflanzt und sie werden wohl in vier Jahren Früchte tragen.
Oktober 2024
51 Rückreise im Oktober: Wir sind einen Monat später als geplant losgereist. Wir haben eine lange Reise mit unserem kleinen Elektroauto (und kleiner Batterie) durch Frankreich und Spanien gemacht. 2500 Kilometer von Freiburg nach Huelva: 50 Ladestationen mühselig aufgesucht, 36 waren tauglich. Überall neue Apps, Bezahlsysteme und zum Teil verschiedene Anschlüsse. Für hundert Kilometer inclusive Ladestation-Suche, App-Herunter-Laden, teilweise Neuinitialisierung des Ladessystems nach Notruf, Ladevorgang haben wir durchschnittlich drei Stunden benötigt. Wo wir übernachten konnten, war vorher unklar, da wir nicht wussten, wie weit wir kommen. Während in Frankreich die Ladestationen (mit für uns untauglichen Ladekupplungen) wenigstens an den Autobahntankstellen installiert waren, mussten wir in Spanien in den Industriegebieten der Städte nach ihnen suchen – nur manchmal war eine Bar zur Erholung in der Nähe. 36-stündige Überfahrt von Huelva nach Teneriffa; weiter nach El Hierro. Auf Teneriffa und auf El Hierro neue Bezahlsysteme. Die notwendige Bezahlkarte auf El Hierro haben wir nach drei Tagen erhalten. Nun können wir auf der Insel an sieben Ladesäulen mit zwei Anschlüssen tanken. Zwei sind kaputt, der Rest ist meist belegt; wir konnten in fünf Tagen zweimal tanken und haben es zehnmal versucht. Der Ladevorgang über Schukostecker an unserem Haus ist demnach nötig, aber bislang nicht möglich, da die Phasen des Hausanschlusses ein anderes Ladekabel benötigen oder neu verdrahtet werden müssen. Hans (unser Photovoltaik-Spezialist auf Teneriffa) und Jonay (ein Bauleiter, der das alte Haus renoviert) werden helfen.
52 Selbstversorgung: Nach einer Woche können wir nun unsere Sonnenenergie tanken, manchmal mit Fehlermeldungen und meiner Unsicherheit. Die Energie, zwischen 9 und 19 KW am Tag, reicht für für alles (kochen: 2, tanken: 5, warm duschen: 2, Gerätschaften: 1-2, heizen: 2, Medien: 1), auch wenn das Auto alle zwei Tage etwa 10 KW benötigt. Noch rechne ich täglich etwas nervös, ob alles auch hinkommt – und schaue auf die Wetterapp. Dafür sollte die Sonne täglich drei bis vier Stunden scheinen – zwischen 11 und 16 Uhr. Morgen soll es ein bewölkter Tag werden. Erwartung: 11 KW. Kommt Regen hinzu – was sehr dringlich wäre – werden lediglich 8 KW produziert. Kälte, Wolken, Regen, all das ist für die Pflanzen nötig. Im Januar und Februar kann es ziemlich knapp werden. Der von mir überhöhte Wert der Kontingenztoleranz (Zufall, Schicksal) stößt schnell an seine Grenzen. Wenn das Wetter macht, was es will, sind wir ausgeliefert.
53 Garten: Das Wetter ist sonnig, um die 22 Grad, dann kommt die Salima für drei Tage: 25 Grad, sehr trockenes Sahara-Wetter mit Sandstaub, tödlich für Jungpflanzen. Es hat das letzte halbe Jahr nicht geregnet; vor zwei Wochen zwei Tage Regen, 20 Zentimeter; habe versucht, so viel wie möglich über Dachabläufe und Behälter aufzufangen. Die Erde jetzt wieder ist staubtrocken, die alten Bäume darben; 11.11.2024. Manche Obst-Bäume (ca. 35) sind alt genug und haben überlebt und werden überleben, die 3-10 Jahre alten von uns gepflanzten Bäume (ca. 20) werden über eine Tröpfchen-Bewässerung versorgt, die Fran zweimal die Woche anstellt. Die neu gepflanzten Bäume (ca. 15) müssen von Hand gegossen werden. Ca. fünf Bäume und ein paar Sträucher haben nicht überlebt. Aus den vier Komposten sind die Regenwürmer verschwunden. Gras, etliche Bräuter und „Unkräuter“ sind vertrocknet. Die Arbeit kann beginnen. Pflaumen, Feigen, Quitten und das Beerenobst konnten wir nicht mehr ernten. Wir waren zu spät. Kaki, Orangen, Avocado, Zitronen und Äpfel sind jetzt an der Reihe. Die Freude hier zu sein, ist größer denn je. Alles ist vertraut.
54 Hütte: In unsere kleine Stelzenhütte waren wir im 20. März eingezogen, als uns Lion mit Familie besuchte. Sie übernahmen die alte Wohnung, die nun umgebaut und renoviert wird. Vieles war marode. Unsere Stelzenhütte mit Trenntoilette und Wasserauffang ist noch provisorisch. Keine Küche, keine Dusche, keine richtige Beleuchtung. Dafür leben wir in den Baumkronen der Feigen, schauen übers Meer nach Teneriffa und Gomera, genießen die Sonnenaufgänge zwischen sieben und acht. Unsere Glasfront nach Südosten und unsere Terrasse lassen Außen und Innen ineinander übergehen. Haus, Garten, Landschaft und Meer werden ein Zwischenraum. Alles hat sich erfüllt. Das Leben mit den Wolken, den Vögeln und den Baumwipfeln. Aussicht mit Zimmer. Es ist die ersehnte Stimmigkeit. Dennoch ist alles in Veränderung. Das Holz zieht sich bei Trockenheit zusammen, bildet Risse, oder quillt in der Feuchtigkeit. Gerade ein kleines Holzhaus ist kein geschlossenes System, sondern eine Lebenswelt, die mit den Umwelteinflüssen dauernd verschmilzt. Das Zueinander-Gehören von Innen und Außen benötigt Sinnlichkeit und Sorge, um stimmig zu bleiben. Alle Abflüsse und Abfälle werden täglich bedacht und versorgt.
55 Technik und Organisation: Die Elektrik, das Auto, die elektrischen Geräte, das Werkzeug, aber auch die Steuererklärung, die Einkäufe, das Kochen: all das ist geprägt von Technik und Organisation. Selbst das Lesen, Spanisch-Lernen, das Schreiben und auch Gymnastik und Yoga wollen koordiniert werden. All das unterscheidet sich wenig vom Leben in Deutschland. Der TÜV muss gemacht werden. Fran ist nervös; er glaubt, der alte Silberpfeil wird keine Plakette erhalten. Unser alter Honda Logo ist zu alt: Kontrollleuchten blinken unaufhörlich, das ABS arbeitet nur bedingt. Doch es klappt. Wenn unser Elektroauto funktioniert und unseren Eigenstrom weiterhin annimmt, werden wir nächstes Jahr Fran den Honda schenken. Eigentlich sind wir ein Drittel des Tages mit Organisation beschäftigt, der Rest ist Garten und Selbstsorge. Hinzu kommt Tee trinken, Nachrichten lesen, Spanisch lernen, telefonieren und Genuss. Es ist keine vita contemplativa, kein Klosterleben. Wichtig ist, alles gemeinsam abgestimmt und selbstbestimmt zu machen und die Dinge so zu tun, dass es stimmig ist. Und der Technik nicht so viel Raum und Zeit zu geben, sondern der Natur.
56 Mond: Der Mond wird zu selten bedacht. Nur bei Vollmond staunen manche. Die Gezeiten interessieren die Küstenbewohner und die Touristinnen. Aber im Garten? Es gibt den Mondkalender. Nach ihm richten wir alle Gartenarbeiten aus: Säen, Pflanzen, Baumschnitt, Ernte. Der Mond rhythmisiert die Natur und damit unsere Zeit. Nicht nur die Tätigkeiten der Tageszeit, sondern auch der Wochen-, Monats- und Jahreszeit. Maria Thuns Kalender ist für die meisten biologisch wirtschaften Gärtnerinnen ein Geschenk, eine Offenbarung. Und es ist auch klar, dass die eigene Vitalität vom Mond mitbestimmt wird. Alle ätherischen Kräfte hängen am Mond. Immer wieder vergessen wir in den Mondkalender zu schauen, zu vieles lenkt ab. Die Rhythmisierung des Tages jedoch ist für unsere Gesundheit von tragender Bedeutung. Das KI kann mittels Technik und Pharmaka gegen die Natur leben – und bezahlt dafür. Nicht nur für Gartenarbeit und eigene Gesundheit, auch für das Fischen ist der Mondrhythmus wesentlich.
57 Dorf und Nachbarschaft: Das Leben auf dem Land und im Süden ist ein Geschenk. Wir hören die Tiere, die Vögel, Esel und Hähne. Wir hören den Alisio. Wir hören dreimal in der Woche das Rauschen des Meeres. Wir leben eingebunden in das Dorf, auch wenn ich weniger zu Javi in seine Bar und sein Restaurant gehe oder dort Kaffeesatz hole. Mir ist das Leben in der Stadt fremd geworden, zu viel Lärm, zu viel Staub, zu viel Lichtverschmutzung, zu viel Abluft, zu viel Abfall. Hier oben sehen wir Jupiter und Venus klar.
Dörfliche Nachbarschaft kann etwas Wunderbares, aber auch etwas ganz und gar Ambivalentes sein: Freundlichkeit, Hilfe bei kleinen Problemen, ein kleines oberflächliches Gespräch über das Wetter. Nachbarschaft kann auf der anderen Seite schwierig oder selbstbezogen sein. Lärm, Schmutz, Öl, Abgase können die Nachbarschaft belasten und testen die eigene Toleranz. Eigene Belastung durch nachbarschaftliche Entlastung mag dialektisch interessant sein; im Grunde überwiegt meist die Nutzenlogik des KI. Schaut das Ich sachlich und moralisch darauf, hilft (ihm) das wenig. Es verstärkt den Ärger und übersteigt die vielbesungene Ambiguitätstoleranz schnell. Sie ist schnell aufgebraucht und bleibt ohnehin nur ein intellektuelles Glasperlenspiel in gesellschaftlich und nachbarschaftlich aufgeheizten Situationen. Auch der „andere Zustand“ und das „andere Haus“ werden einem leicht verunmöglicht.
Auf El Hierro wird immer wieder etwas verbrannt. Es benötigt dazu Genehmigungen vom Umweltamt. Diese werden relativ leicht erteilt, da Holz, Baumschnitt und brennbare Abfälle aller Art so leicht zu „entsorgen“ sind. Immer wieder qualmt und stinkt es auch in San Andrés und man wüsste von der deutschen und spanischen Nachbarschaft gerne, wann und wie lange gebrannt wird. So auch gestern. Am Morgen brannte und schwelte organisches Material und der starke Rauch durchdrang unsere Hütte, webte sich um unsere Terrasse. Ein Atmen war nur bedingt möglich. Wir zogen uns ins alte Haus zurück, sprachen mit der Nachbarschaft und Fran, was getan werden kann. Mehrstündiger Schwelbrandrauch, der genau unsere Hütte traf. Mein Ich deklinierte die moralischen Entwicklungsstufen durch und versuchte den Begriff lokaler Demokratie anzuwenden. Auch das Verfassungsschema von Aristoteles half, den Groll zu verstärken. Eigennutz und Gemeinwohl schienen mir neben ökologischen Fragestellungen nur analytisch brauchbare Kategorien. Dabei ist alles einfach: Jeder kennt das Problem der missliebigen Nachbarschaft.
Der Rauch war gegen 12 Uhr erträglich, es regnete ab 11 plötzlich leicht. Ohne Regen ist das Leben unerträglich. Die Wetterlage hat sich großräumig umgestellt; in der nächsten Zeit bringen Tiefdruckgebiete das Wetter von Norden. Alle – bis auf viele Deutsche – freuen sich und hoffen, dass es endlich mehr regnet.
58 Vertrauen: Geht das Vertrauen verloren, ist alles schlechter. Vielleicht auch besser, weil realer. Das Misstrauen, wenn Haus, Garten und Auto nicht sachgerecht oder lieblos benutzt werden. Meine Naivität und Dominiques Realitätssinn ergänzen sich. Ich gehe vom Gemeinnutz-Gedanken bei Anderen aus, Dominique ist da skeptischer. Ein Beispiel ist unser kleiner, alter Honda. Er wurde häufig von Anderen, auch Fran, benutzt, ohne Bescheid zu sagen. Wir machten halbjährlich Ölwechsel und ließen neue Bremsbeläge montieren. Doch plötzlich waren 3.000 Km mehr gefahren worden, als wir wussten. Es ließ sich nichts mehr rekonstruieren. Wer fuhr, ohne es zu sagen? Soll uns das interessieren? Aber was ist, wenn unser Vertrauen „missbraucht“ wird? Wir lassen einen Autoschlüssel immer hier. Und Fran und unsere Kinder dürfen eigentlich so viel fahren wie nötig. Aber was heißt nötig? Wo sind die Grenzen? Oder ist alles ein Spiel- und Zwischenraum? Was für das Auto gilt, gilt in verstärktem Maße für das Haus und auch den Garten. Freunde und Familie dürfen bei nutzen. Aber wer pflegt ihn? Wer gibt Haus und Garten etwas? Hier scheiden sich die Geister und Seelen. All das ist einfach zu regeln. Schlüssel, Wasserverbrauch und Kilometerstand müssen mit Bewusstsein verwaltet werden. Unser Vertrauen ist beschädigt. Es war naiv von mir anzunehmen, jeder gibt, was er kann. Unsere Dinge sind nur von der Idee Gemeingut (commons), praktisch werden sie übernutzt. Das Allmende-Dilemma (Hardins tragedy of the commons), jetzt ist es auch endlich bei mir angekommen. Ohne soziale Kontrolle zerstört sich die Allmende-Idee. Wie sieht diese soziale Kontrolle organisatorisch aus? Oder wollen wir sie nicht? Dann müssen wir uns ganz zurückziehen. Ich wüsste gerne, was Thoreau dazu sagen würde. In der Rautenklause „auf den Marmorklippen“ (Jünger) findet sich dazu die Figur des Pater Lambros. Auch diese Widerstandsklause benötigt eine mythologische Figur, einen Mythos.
59 Unterbruch: Wir sind eine Woche vor der Abreise nach Deutschland. Wir wollen nach Afrika reisen, um Enkelin, Schwiegersohn und Tochter zu besuchen. Und bei der Beerdigung von Ulrich zu sein. Ulrich, der mein Leben hier mit seinem Besuch verändert hat: hin zum Nicht-Handeln, hin zum Augenblick. Hölderlin-Gedichte hatte er mitgebracht, den Gedanken der Quelle und der Hoffnung „dass alle sich erfahren“. Nun muss die Baustelle des alten Hauses einen Monat unbegleitet bleiben, müssen die vier umgepflanzten Bäume ohne uns überleben, bleibt vieles liegen, Fran geht seiner Wege. Ein Unterbruch. Im Unterbruch öffnen wir uns, wir unterbrechen den Gang der Dinge, bitten, dass es gut gehen mag, sind versammelt und ruhig trotz aller Unsicherheit und Ungeduld. Die Unruhe der letzten Tage, der Verlust des Freundes, die Fragen rund um Allmende und Vertrauen weichen der Vorfreude auf die Menschen, denen wir begegnen werden: den Kindern und Freunden. Noch ist viel zu tun. Und das Nicht-Handeln, das Zhuangzi und Ulrich wichtig ist, wartet noch.
Januar 2025
63 Burundi
Mitte Dezember reisen wir nach Freiburg. Die kleine Wohnung in Freiburg wurde wieder unsere. Zuhause-Sein. Packen. Der schwere Gang nach Marburg, um Ulrich zu beerdigen.
Von Brüssel fliegen wir nach Burundi. Unsere Tochter lebt dort mit ihrer Familie hinter Stacheldraht. Nora arbeitet in einer Diktatur für die Ernährung von Kindern. Wir hüten unsere zweijährige Enkelin. Ein Kind in dieser Umgebung. Ich versuche, mich daran zu gewöhnen, und merke, dass ich mich nicht daran gewöhnen will. Wir werden bekocht, bewacht, versorgt. Boni wäscht unsere Wäsche. Ohne Boni wäre unser Leben hier leer. Er lacht viel. Vielleicht ist das sein Schutz. Erdöl fehlt. Strom fehlt. Ohne Boni wäre das Leben hier unerträglich, er begrüßt und lacht und schwebt und fegt und bügelt. Erdöl und Strom sind im Mangel. Ich fühle mich fremd und ausgeliefert.
Wir reisen nach Tansania. Sechs Tage unterwegs. Militär, Maschinengewehre, Kontrollen in Burundi und an der Grenze. Ich stelle mir vor, dass eine Reise jederzeit enden kann. Ich stelle mir vor, dass der Massenmord an den Tutsi, den reicheren Viehhirten, wieder auflebt. Der Wahnsinn ist greifbar. Die Grenze ist eine Zumutung. Impfungen, Formulare, Warten. Wir kommen weiter, weil wir bezahlen. In Tansania gibt es Strom, Erdöl, Fülle. Wir begegnen Giraffen, Elefanten, Nilpferde. Landschaften, die man paradiesisch nennt. Dieses Wort hilft mir nicht weiter. Dieses Mal kommen Krankheiten hinzu. Fieber, Stiche, Übelkeit. Ich erinnere mich an die Frage, die Bruce Chatwin stellte: Was mache ich hier? Ich habe keine Antwort.
64 Orangen, Avocados
Wir sind zurück auf El Hierro. Das Holzhaus ist warm. Wärme ist hier keine Selbstverständlichkeit. Das Elektroauto streikt. Wir improvisieren. Es gibt noch den alten Honda. Menschen helfen. Dinge funktionieren wieder. Der Umbau des alten Hauses geht weiter. Im April soll er abgeschlossen sein. Ich frage mich, wozu wir das tun. Vielleicht, weil Stillstand unsere Seele unruhig macht. Der Garten blüht. Orangen und Avocados hängen an den Bäumen. Einige Bäume sind gestorben, zu wenig Regen. Zu wenig Wasser verteilt. Unser häufiges Fortsein ist fatal. Die Bekannten interessieren sich wenig für unseren Garten. Unsere Kinder sind zu wenig hier. Dafür eine kleine Avocado- und Orangenernte im Winter. Die Pflaumen-, Äpfel und Feigen-Ernte ist dieses Jahr wieder fraglich.
65 Alltag
Es ist kalt. Der Wind ist kalt. Die Sonne wärmt gut, aber manchmal scheint sie nur kurz. Der Luftwärmetauscher wärmt das Holzhaus stundenweise, nachts ist es kühl. Technik hilft, Wolle hilft auch. Die Sonne füllt die Hausbatterie schnell, auch für die Autobatterie reicht es, ebenso für die Dusche und die Waschmaschine. Ohne die Sonne wäre es schwierig, gerade dann wenn Dauer-Nebel käme. Regentage wären wieder dringlich. Es sieht nicht danach aus. Wir genießen die Mandel- und Orangenblüte, die Vögel singen laut. Wir wollen zwei neue Terrassen anlegen. Die vier Bäume, ein Olivenbaum, zwei Avocadobäume, ein Apfelbaum, scheinen ihren Umzug überlebt zu haben. Ich warte auf den Baumschnitt, er beginnt Mitte Februar, wenn der Mond günstig steht. Wir richten uns nach dem Mond. Ob das vernünftig ist? Aber es ordnet unsere Zeit, organisch. Der Alltag ist gefüllt: kochen, essen, Siesta, lesen, schreiben. Es ist genug zu tun. Es ist nicht zu viel. Ich empfinde das als Luxus. Das Jahr hat ruhig begonnen.
66 Stimmigkeit
Im Feigenhainhaus leben wir in den Wipfeln und bei den Vögeln. Mehr Sinnlichkeit, weniger Sorge. Der Garten zeigt uns, wie wenig wir wissen. Manche Bäume tragen, andere weniger, andere sterben. Im Garten leben heißt, in der Jahreszeit zu leben. Sein wird Zeit, Zeit wird Sein. Das ist keine Lehre, sondern eine Tatsache. Wir drängen das Organisatorische und Technische zurück. Wir haben einen Mondkalender und er zeigt, wann es gut zu pflanzen ist. Ob er stimmt, wissen wir nicht, aber die gärtnerischen Erfahrungen sind hier gebündelt.
Wir ziehen uns in die Unbestimmtheit zurück. Merkwürdigerweise wird das Leben stimmiger. Wissen und Moral werden fraglich. Ein Mythos tritt in mein Leben, ein Ineinander von Geheimnis und Natur. Mein Ich wird anders, wie ist unklar. Begriffe taugen nicht, da es keine Grenzen zwischen Innen und Außen gibt. Alles gehört Zueinander. Ich bin dankbar für alles Andere, das mein Leben kreuzt. Ich habe die Übersicht verloren. Lange hatte ich geglaubt und gedacht, meine vielen Lektüren hätten das ermöglicht. Dem ist nicht so. Es scheint mir die Andersheit des Anderen zu sein, die mich bereichert. In einem solchen Zustand ist man allein und doch nicht allein.
Sechs Monate hier. Stimmigkeit entsteht nicht aus Ordnung, sondern aus Hingabe an das Unbestimmte. Das Loslassen von allem, was man halten möchte. Kein klares Ich. Keine Grenzen zwischen innen und außen. Ein Dazugehören, ein Durchlässigsein. Ich bin froh, dass es so ist, denn morgen kann es anders sein. Kontrolle lässt sich nicht ganz beseitigen.
67 Ein anderes Haus
Seit knapp einem Jahr leben wir meist in unserem Feigenhainhaus. Die Idee des anderen Hauses ist zu einem Zuhause geworden. Damit ist das andere Haus nun normal geworden. Wir wohnen, essen, schreiben, lesen, schlafen in diesem Haus, dem Himmel nah. Immer noch wird daran gearbeitet. Gestern ist statt einer maroden Seitentür ein Fenster eingebaut worden. Die Sonne bleibt länger. Wir können so auf unser altes Landhaus schauen, auf die Araukarie und die Palmen. Vom Sonnenaufgang im Osten bis zum Sonnenuntergang scheint nun die Sonne in dieses Häuschen auf Stelzen. Das andere Leben wird nun alltäglich. Es fehlen weiterhin Herd und Dusche, daher ist sie eher Hütte als Haus. Im alten Haus koche ich. Im anderen Haus trinken wir Tee, reden und schlafen wir. Hier schreibe ich. Es ist der alte Traum einer Schreibhütte, abgelegen, ruhig, in der Natur. Nun ist sie da und Dominique und ich leben hier so, wie wir es wünschten. Es ist nicht jeder Tag so strahlend und glänzend wie heute, Anfang Februar. Das Wetter soll noch zwei Tage so andauern, dann werden wieder mehr Wolken und Kälte hereinziehen. Kältephasen werden uns noch bis Ende April begleiten. Der große Aufwand, das fünfjährige Warten auf das andere Haus, hat sich gelohnt. Die Zweifel sind nicht verschwunden. Sie sind leiser geworden. Es fehlt noch vieles, doch es genügt.
68 Der Dorfladen
Der Dorfladen wird schließen. Ein Familienbetrieb verschwindet. Kapital ersetzt etwas, das man Identität nennt. Ich weiß, dass man dem nicht nachtrauern muss. Trotzdem tue ich es.
Unser kleiner Laden im Dorf ist einer von sechs „Terencios“ auf der Insel. Mal sind die Läden kleiner, mal größer. Ursprünglich waren sie eher Sammel- und Verteilstellen lokaler Produkte ergänzt um kanarische und spanische Waren. Heute vertreiben sie auch Billigwaren nicht-spanischen Ursprungs: Zum Beispiel Äpfel aus Chile. Der reich gewordene Sohn des Gründers verkauft alle Läden an Superdino, der seine Angestellten aus Teneriffa und Gran Canaria mitbringt. Einige Angestellten dürfen bleiben. Das alles scheint lange vorbereitet und soll nun in zwei Monaten abgewickelt werden. Unser Dorfladen wird schließen. Für Carmen, die Verkäuferin, ist das ein Drama. Wir kaufen bei ihr nur hin und wieder, da wir zumeist auf dem kleinen Lokalproduzenten-Markt in Valverde oder in den beiden Bioläden in Frontera und Valverde einkaufen gehen. Nun muss man einem Lokal-Kapitalisten, nicht nachtrauern, doch war die Idee, Läden mit Herreno-Identität zu haben, charmant und viele Herrenos stolz darauf.
69 Der andere Zustand
Vor sieben Jahren war ich der Ansicht, dass das „Selbst-Sosein“ (Zhuangzi), die Art ist, in der ich leben möchte; der Weg war das einfach-so-sein. Es fällt mir schwer.
Immer wieder kommt das Gefühl auf, dass ich mehr tun müsste, mehr schreiben, mehr im Garten arbeiten, um mein Dasein irgendwie rechtfertigen zu können. Ich bin nicht Zhuangzi oder Daoist, ich bin einfach nur der Sohn meiner Eltern, Soziologe, Leser, Lehrer, Tennisspieler, Autor, seit 40 Jahren Partner von Dominique und Vater. In meinen Rollen fühlte ich mich zu sicher, um mein Selbstsosein zu suchen, suchen zu müssen. Auf der sicheren Seite habe ich Gefühle, auf der anderen Seite ist mein Dasein im Zustand des Zueinandergehörens. Musste ich für diese Erfahrung nach El Hierro gehen?
Es ist fünf Uhr nachmittags, es ist der 10.2., Rotkehlchen, Amsel und der Canario stimmen ihre Nachmittagsgesänge an. Ich gehe nach draußen. Die Unbestimmtheit ist da.
70 Der Garten
Ich sammle Kräuter und koche. Der Garten bestimmt unseren Rhythmus. Es wundert mich, dass es keine Soziologie des Gartens gibt. Dabei ordnet er Zeit, Arbeit und Aufmerksamkeit auf eine Weise, die viele Theorien überflüssig macht.
Weiße, gelbe und zartrosa Blüten dominieren den Garten. Ein Rausch an Kapuzinierkresse hat sich unter dem Feigenwald ausgebreitet. Mittlerweile zeigt sich auch wieder die Pfefferminze. Ich suche Kräuter für das Mittagessen und komme mit Oregano, Thymian, Minze, Rosmarin, Salbei zurück. Für den Salat sammle ich Kapuzinerkresse, Spinat, Senfblüten und Löwenzahl. Ich koche mittags, wie jeden Tag. Dominique macht morgens das Müsli mit Tuno- und Orangensaft aus dem Garten, manchmal gibt es Äpfel oder Kaki dazu.
Gemeinsam mit Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft bilden Haus und Garten unsere Lebenswelt. Zwar lässt sich einiges Historisches zur Schrebergartenkultur finden, aber zur Aura und Transzendenz des Gartens wird nur etwas in religiösen Kontexten, etwa zu „Paradiesgärten“, sinniert. Letztlich bleibt der Garten innerhalb der Gesellschaft, sei es als Bauern-, Haus- oder Landschaftsgarten.
Als permakultureller Naturgarten, der die Unbestimmtheit allen Seins widerspiegeln könnte, bleibt er weitgehend unbedacht. Bei uns gibt es drei Gartenruhetage im Jamuar, drei im Februar, fünf im März. Sonne, Mond und Regen geben unserem Leben Rhythmus und Arbeitstakt.
71 Das alte Haus
Der Umbau schreitet voran. Mehr Licht. Mehr Kosten. Ich frage mich, ob unsere Kinder dieses Haus einmal wollen. Oder ob sie es verkaufen. Ich halte die Frage fest, ohne sie zu beantworten. Die Hausfrage ist keine private Frage.
Heute ist der Estrich gelegt worden. Nun sind die Leitungen und Abwasserkanäle nicht mehr zu sehen. Die neuen Fensteröffnungen sind verputzt, ebenso wie die teils abgerissenen Wände. Wir haben heute entschieden, auch im 100 Jahre alten Wohnzimmer zwei Fenster zusätzlich in die Wände einzubauen. Mehr Licht. Früher dienten die dicken Wände dazu, Hitze und Kälte draußen zu lassen. Heutzutage ist es im Winter wärmer und die Fenster dichter. In 100 Jahren ist das alte Landhaus immer wieder umgebaut und erweitert worden. Im April wird es fertig sein. Nächste Woche, am 22.2., setzen wir für zwei Tage nach Teneriffa über und werden Fliesen, Toilette und Waschbecken einkaufen. Immer dachte ich „Modernisierung“ muss nicht sein. Material- und Energieaufwand seien zu hoch. Doch irgendwann ist das alte Haus so marode, dass niemand mehr in ihm wohnen möchte. Auf El Hierro zerfallen viele Häuser und ihr Aufbau ist mühselig, energetisch fragwürdig und teuer.
Für wen betreiben wir den ganzen Aufwand? Für uns? Für die Sache? Für unsere Kinder und Enkel? Wie wissen es nicht.
72 E-Komplikationen
Unsere energetische Selbstversorgung ist möglich, aber fragil. Alles hängt an der Sonne. Morgens ist es kalt. Das Aufstehen fällt schwer.
Wir haben die paar Besorgungen in Teneriffa gemacht. Dafür sind wir mit unserem E-Zoe übergesetzt. Schon beim Transfer von Freiburg nach El Hierro wären wir fast auf Teneriffa stehen geblieben. Zwar gibt es ein paar E-Tankstellen, nur wo? Die paar, die wir fanden, waren entweder nicht funktionstüchtig oder belegt. In einer Tiefgarage auf Teneriffa scheiterten wir daran, die notwendige App herunterzuladen, weil es in der Tiefgarage keinen Empfang gab. Die Lust, es wieder, nun mit mehr Zeit auf Teneriffa zu versuchen, ist vergangen. Auch auf die Ladeinfrastruktur auf El Hierro ist praktisch kein Verlass. Wir kommen mit ca. sieben KW Rest bei 22 KW Gesamtfüllung in unser 1000 Meter hoch gelegenes Dörfchen. Wir können uns nur auf unsere PV-Anlage verlassen. 11 KW bei uns zu laden dauert sechs Stunden. Dafür muss die Sonne wenigstens fünf Stunden scheinen, denn ich will bei 16 Grad Innenraumtemperatur nicht kalt duschen oder auf das Mittagessen verzichten. Wenn nur die Wetterprognosen zuverlässiger wären. Auto, Heizen, Waschen, Kochen ist möglich, aber mit größeren Batterien einfacher.
Das Lamento stört mich an mir. Die homerische Ruhe zieht uns wieder schnell in unseren Garten und dann in unsere Holzhütte.
73 Fasten
Die Fastenzeit bricht an. Kein Alkohol, wenig Ablenkung, nur die Stille des eigenen Lebens. Die Nachrichten erreichen uns, doch sie wirken fern: Bundestagswahl, Kriege, globale Ungerechtigkeiten. Die Welt tobt, und wir treten zurück, fastend, um die Freude, die Natur und das Leben zu erleben, die uns hier umgeben. Wer Freude findet, wo andere verzweifeln, muss selbst lernen, ruhig zu atmen.
Die Bundestagswahl ist fast vergessen, der „sozial-ökologische Linksliberalismus“ kam auf 27 %. Wer keine Lust hatte, die Verteidigungsausgaben immer weiter auf Kosten von grünen oder sozialen Bereichen zu erhöhen, hat halt Die Linke oder BSW gewählt. Der Gesamtwind hat neo-nationalistisch gedreht und nun will man sich bei den Kleinbürgern und der Zukunft bedienen. Der dankt und wählt sie, weil er das Übel bei Bürgergeldempfängerinnen und Flüchtlingen wähnt. Man kennt das Muster. Aber bin ich mir da so sicher, wie ich glaube? Meine Selbstgewissheit stört mich.
Die Natur kommt bei all den Überlegungen nicht vor. Zeit zu fasten und sich wieder ganz zurückzuziehen. Allein um der eigenen Gesundheit willen. Freude wäre eine Form des Widerstands. Ich bringe sie nicht auf. Also faste ich.
74 Regen, Kälte, Sonne
Seit Tagen regnet es, endlich. Der Regen fällt nicht nur, er hält an, als habe er sich hier eingerichtet. Anfang März. Die Sonne zeigt sich zögerlich, manchmal nur stundenweise. Es wird kälter, als wir erwartet hatten. Elf Grad am Tag, acht in der Nacht. Zahlen helfen, das Unbehagen zu ordnen, auch wenn sie es nicht erklären. Die Batterie ermüdet. Auch sie kennt Grenzen. Sie wird mit unseren Ansprüchen an Warmwasser, Autobatterie, Wärme im Haus, Kochen, Elektrogeräte kaum mehr fertig. Doch das Wasser sammelt sich. Still. Geduldig. Der Garten schweigt. Vielleicht ist dies kein Mangel, sondern eine Aufforderung, noch weniger zu erwarten und mehr zu hören.
Februar und März sind kälter als erwartbar. Da im Garten wenig zu tun ist, stellt sich die Frage, ob wir uns nicht lieber um die Enkel kümmern sollten. Aber es gibt ja die Baustelle im alten Gebäude. Tatsächlich zeigt das Wetter die eigene Wankelmütigkeit an. Oder die eigene Sonnenbedürftigkeit, denn wegen der Sonnenscheindauer sind wir ja hier und nicht in Freiburg oder Südfrankreich.
Autarkie erweist sich nicht als Zustand, sondern als Beziehung, die gepflegt werden will. Der Regen füllt die Zisterne. Ein Ausgleich findet statt, allerdings nicht dort, wo wir ihn erwartet hätten. Der Garten ruht. Vielleicht ruht er nicht, sondern arbeitet auf andere Weise weiter. Vielleicht liegt in all dem kein Mangel, sondern eine Form von Genauigkeit: Man erfährt, worauf es ankommt, indem es knapp wird.
75 Terrassen, Bäume
Wir terrassieren den Hang zwischen Feigen und Kakteen. Vor allem Dominique. Erde wird auf Stein gebracht, ebenso viel Kompost, aus Jahren der Geduld. Dort sollen Bäume stehen. Oliven, Guaven. Wir hätten dann ungefähr 40 Nutzbäume. Ich zähle sie, weil Zahlen Halt geben. Die Finca nähert sich einem Zustand der Fertigkeit, der nicht Vollendung heißt.
All das geht, macht Freude, ist keineswegs unmöglich. Alles wächst aus Wasser, Geduld und Arbeit. Geld hilft, ja. Aber es ersetzt nicht das langsame Sich-Einfügen in den Rhythmus dieses Bodens.
76 Politik, Big-Tech
Die Welt draußen ist laut. Wahlen, Kriege, Bilder von Gewalt und Macht. Die Stimmen der Tech-Propheten, die Effizienz versprechen und Erlösung durch Maschinen. Ich halte das kaum aus, wenn nicht die Blüten da wären, der Gesang der Vögel, dieses unaufdringliche Bestehen der Dinge. Gibt es eine gute digitale Welt? Oder ist schon das Fragen ein Irrtum? Vielleicht ist der Ausstieg die einzige Antwort. Vielleicht genügt ein vorsichtiges Benutzen. Ich weiß es nicht. Der Glaube an die große Ordnung der Globalisierung ist nicht mehr da.
Wie lange gab ich mich dieser naiven Illusion hin und profitierte doch einfach weiter? Ich hatte wenig unversucht gelassen, Europa zu kritisieren: zu undemokratisch, die EU-Kommission, die Agrarsubventionen, kein Regionalismus, keine ökologische Politik, kein wirklicher Artenschutz. Ich spüre nun – in der Gefährdung – eine Hinwendung zur EU. Offene Grenzen und Parlament müssen verteidigt werden. Und der globale Süden? Was denkt Tansania?
Was das alles für uns hier bedeutet, für die Idee des anderen Hauses bleibt offen. Wo unsere verbleibenden Kräfte hinfließen sollen, wird fraglich. Um Kräfte und Ideen zu sammeln, bleibt dies hier ein guter Ort. Ich frage ich, ob mein eigener ökologischer Moralismus nicht Teil desselben Problems ist. Ich misstraue mir selbst.
Wir entscheiden uns pragmatisch. Unser Hiersein ist eine Pause. Und immer wieder dringen die Stimmen der Welt hierher, verzerrt, metallisch, fordernd. Kriege und Wahlen als Erlösungsversprechen. Man sagt uns täglich: Effizienz wird uns retten. Man sagt uns täglich: Maschinen werden klüger als wir. Ich höre eine alte Sehnsucht, die sich neu verkleidet hat. Zwischen Blüten und Vogelrufen wirkt diese Welt fremd, als spräche sie eine andere Sprache als die der Dinge, die wachsen.
77 Zueinandergehören, Widersprüche
Dass wir hier sind, war keine schnelle Entscheidung. Eher ein allmähliches Ankommen, das sich erst im Rückblick wie ein Entschluss ausnimmt. Jahrzehntelang dachten wir in Gemeinschaften, in offenen Formen. Am Ende leben wir zu zweit. Nicht aus Überzeugung, sondern aus jener Klarheit, die aus Ermüdung entsteht. Es gibt kein Projekt allein. Man braucht einander – als Spiegel, als Korrektiv, als Möglichkeit jenes anderen Zustands, in dem das Zueinandergehören für eine Weile gelingt. Die Widersprüche bleiben. Vielleicht sind sie nicht das Problem, sondern die Bedingung dieses Lebens.
Bis wir hierher kamen, verging so viel Zeit, dass man kaum noch von einer Entscheidung sprechen möchte. Fast immer lebten wir in WGs, was wir gern als Offenheit bezeichneten, vermutlich aber war es Gewohnheit. Seit vierzig Jahren dachten wir über Kommune oder generationenübergreifendes Wohnen nach, ohne je anzufangen. Eine bemerkenswerte Beständigkeit im Nicht-Beginnen.
Vor zehn Jahren dann doch: zu zweit. Weniger aus innerer Klarheit als aus Mangel an Alternativen. In Südfrankreich fanden wir nichts, in Portugal auch nicht – vielleicht wegen unserer Ansprüche, vielleicht, weil wir Schönheit inzwischen eher denken als sehen. El Hierro erschien plötzlich folgerichtig, was nichts erklärt, aber beruhigt.
Seit 2021 leben wir halb hier und halb in Freiburg: der Kinder, der Enkel, der Freunde, der Ärzte und des Tennis wegen. Eine Aufzählung, die alles sagt und nichts begründet. Ein klares Ja oder Nein wäre zu anstrengend gewesen. Vielleicht ist das Musils anderer Zustand: ein Zueinandergehören, das sich einstellt, wenn man aufhört, recht haben zu wollen – zumindest zeitweise.
Nun überlegen wir, die Ernten zu trennen: Dominique die Pflaumen im Sommer ohne mich, ich die Feigen im September ohne sie. Das klingt nach Organisation und fühlt sich sofort nach Entfremdung an. Fragen der Planung tauchen auf, des Reisens, des eigentlich verteufelten Fliegens. Wir wollten lange Strecken reisen und nicht fliegen. Wir wollten vieles. Reisen ohne Smartphone ist fast unmöglich, Reisen mit Smartphone unerquicklich.
Überall Widersprüche. Dylan tröstet: I contain multitudes. Das hilft nicht, aber es beruhigt. Wir wollen hier sein und dort sein, die Kinder und Enkel sehen, Tennis spielen, ernten, wenig verbrauchen, die Natur genießen, möglichst ohne Flieger reisen. Ein Katalog guter Absichten, dessen innere Spannungen wir inzwischen auswendig kennen.
All das ist naiv, unmöglich, unglaubwürdig. Und wir versuchen es dennoch, mit wechselndem Erfolg und wachsender Müdigkeit. Um diese Widersprüche lebbar zu halten, gehören wir zueinander. Widersprüchlich leben zu können – und jemanden neben sich zu wissen, der dabei nicht den Raum verlässt.
78 Schafe
Die Schafe werden geschoren. Die Wolle verschwindet im Boden oder im Feuer, zwei Verfahren, die nach endgültigen Lösungen klingen, ohne dass jemand genau wüsste, was dabei eigentlich gelöst wird. Ein winziger Teil landet in den Fugen unseres Hauses. Der Wind bleibt draußen. Drinnen bleibt die Kälte, aber sie ist weniger scharf, eher eine Erinnerung daran, dass Kälte existiert.
Gemeinschaftliches Essen im Gemeindesaal. Musik. Männer mit Hüten. Frauen in der Minderheit. Ich registriere das, ohne es zu kommentieren. Das Kommentieren käme ohnehin zu spät, und verspätete Ironie wirkt selten überzeugend.
Die meiste Wolle wird vergraben oder verbrannt. Ein kleiner Teil wird von Beatrice verarbeitet, einer quirligen Anthroposophin, die sie wäscht, kämmt und später weiterverwendet. Wir nehmen etwas davon, um unsere Hütte zu isolieren und die Fensterfugen zu stopfen. Es hilft – zumindest so lange, bis der nächste Windstoß anderer Meinung ist. Inzwischen habe ich fast alle Fugen des Holzhauses gefüllt. Der Märzwind bleibt draußen. Vorerst.
Die Schafschur findet bei widrigem Wetter statt: elf Grad, Regen, Wind. Danach gemeinsames Essen im Gemeindesaal. Schaf- und Hammelfleisch, Kichererbsen, hausgemachte Kartoffeln. Fett und köstlich. Drei Musikgruppen spielen Gitarre, ein wenig wird getanzt. Die Männer bleiben am Rand, vielleicht aus Rücksicht auf ihr Alter, vielleicht auf die Schwerkraft. Fast alle sind über vierzig, viele zwischen sechzig und siebzig. Hart wirkende Gesellen mit Hut, der selten abgenommen wird. Die Atmosphäre ist herzlich, ein wenig derb.
Heute ist Frauentag, der 8. März. Die Frauen sind selbstbewusst, aber deutlich in der Minderheit. Noch wird es ein paar Tage kalt bleiben. Erst zum Vollmond, am 14., soll es sonniger werden. Hoffentlich.
79 Vollmond
Ein Tag, an dem der Garten ruhen soll. Ich weiß nicht genau, was das bedeutet. Ich halte mich dennoch daran. Vorsichtig werden, nichts falsch machen – das scheint mir die Hauptaufgabe. Der Feigenhain entfaltet langsam sein Grün. Erste Früchte zeigen sich, als wollten sie mich beruhigen oder beobachten, wie ich das interpretiere. Die große Ernte liegt noch vor uns. Ich werde da sein, sage ich mir. Es ist ein Vorsatz, kein Versprechen, und der Unterschied ist mir wichtiger, als mir lieb ist.
Heute ist Vollmond und Mondknoten (Mond absteigend). Ein Tag, an dem der Garten ruhen soll. Die Energien des Kosmos sollen gestört sein oder störend wirken. Was genau das für die Saftströme und Kräfte bedeutet, bleibt mir unklar. Ich habe zu wenig Erfahrungswissen, oder besser: ich habe genug, um mich dauernd zu wundern. Erst wenn man lange mit dem Mondkalender arbeitet, entsteht Erfahrung, sagt man. Unser Leben hier und in Freiburg ist so unstet, dass wir kaum jemals in Einklang mit Jahreszeiten oder Mondphasen sind. Ab heute trage ich sie in meinen Kalender ein. Ein Schritt in Richtung Kontrolle, die Kontrolle des Kosmos bleibt ungewiss.
80 Der Feigenhain
Der Feigenhain bildet das Zentrum des Gartens. Die Holzstelzenhütte steht mitten zwischen den Bäumen, die Terrasse reicht bis an ihre Wipfel. Mitte März öffnen sich an den Triebspitzen die ersten Blätter, ein zögerliches Grün, das mich umgibt, ohne mich zu beanspruchen. Der Alisio ist noch kühl und stark. Er bringt die Blätter zum Tanzen, ohne ihnen etwas beibringen zu wollen.
Am Morgen setzen sich Kanarienvögel auf die Spitzen. Sie wirken, als hätten sie den Ort schon lange gekannt. Die ersten Früchte der Frühernte zeigen sich. Sie sind klein, aber entschieden, als wollten sie mir versichern, dass es weitergeht. Die große Ernte Ende August wird folgen. So zumindest der Plan. Ich werde dann selbst die Feigen lesen, und hoffentlich reicht es für ein halbes Jahr.
Der Trocknungskasten steht bereits bereit. Ein überschaubares Zeichen menschlicher Planung, aufgestellt gegen das ausgedehnte Schweigen der Natur. Ob er gebraucht wird, weiß niemand. Aber er steht da, und das genügt fürs Erste.
81 Fugen
Die Fugen bleiben ein Problem. Ideale kollidieren mit Material, das Material gewinnt fast immer. PU-Schaum, ein Fehler. Ich kratze ihn wieder ab. Mein Rigorismus irritiert mich, gerade weil ich ihn weiterhin für richtig halte. Das Haus bleibt ein Kompromiss, und je länger ich daran arbeite, desto deutlicher wird mir, dass es das bleiben will. Vielleicht muss es das sein, um bewohnbar zu werden. Oder um mich in meinem eigenen Perfektionismus zu bestrafen.
Ich telefoniere mit unserer Tochter, Architekturstudentin, Schreinerin, Tiny-House-Erfahrungsprofi. Im Ideal sollten alle Fugen mit Wolle, Isolierband und Leisten bearbeitet werden. Hier auf der Insel gibt es das Band nicht. Also haben wir die neue Tür innen doch mit PU versiegeln lassen. Ein Fehler. Es stinkt zwei Tage, die Dämpfe provozieren körperliche Reaktionen – Schlafen im Haus inklusive. Ich kratze also wieder ab, obwohl es mich irritiert, dass ich den Rigorismus, den ich so kritisiere, doch fortsetze. Beim Abkratzen beschädige ich das Holz. Also nachstreichen, Leiste drüber. Das Ringen um das andere Haus überzeugt wohl nur mich. Zum Glück bin ich hier mit Dominique einig. Wir teilen die Selbstironie, sonst hätte der Tag längst das Lachen aufgegeben.
82 Kälte
Die Kälte hält an. Regen, Wind, wenig Sonne. Ich überlege, unseren Rhythmus zu verändern, dem späten Winter hier auszuweichen, möglichst unauffällig. Von Mitte August bis Mitte Februar hier, danach anderswo. Eine kleine Verschiebung, die viel erklären soll. Doch entscheiden tue ich das nicht allein, und vielleicht ist das auch besser so. Vernunft und sinnliches Begehren stehen einander gegenüber, als hätten sie nichts miteinander zu tun, obwohl sie sich täglich im Weg stehen. Wir denken, wir führen Regie, und die Welt macht ohnehin, was sie will, denke ich mit Zhuangzi.
Der Klimawandel ist auch hier spürbar. Das Meer wärmer, der Nebel seltener, ein zweiter Frühling im Winter fast schon Gewohnheit. Angenehm. Beunruhigend. Wer will schon alles verstehen, wenn ein bisschen Unordnung so schön ist? Aufklärung und romantische Sehnsucht lassen sich schwer versöhnen. Wie Schönheit allen zuteilwerden könnte, bleibt offen. Nicht jeder kann in einer Hütte auf Stelzen leben, mit Ruhe, Blüten, Selbstversorgung mit Feigen. Der Gedanke endet meist dort, wo er unbequem wird – und das ist wohl das Beste daran.
83 Sonne, Mond
Dann wieder Sonne. Drei, vier, fünf Stunden. Sie reicht. Sie schenkt Wärme, Licht, Glanz – und ich tue so, als hätte ich etwas damit zu tun. Ich überschätze meine Anpassungsfähigkeit, statt mich einfach zu wundern. Selbstversorgung wäre keine Utopie, sondern eventuell eine Möglichkeit, unter Bedingungen, die die Natur festlegt, nicht ich. Vor allem verändert die Sonne die Wahrnehmung. Die Dinge treten hervor, nicht schöner, nur bestimmter. Ich kann sie nicht besitzen. Ich darf sie betrachten.
Mit Sonne und Mond zu leben heißt, den eigenen Willen zu relativieren – oder gleich liegen zu lassen – und sich einem Rhythmus zu fügen, der älter ist als unsere Pläne. Die Früchte sind später als im letzten Jahr. Drei bis sechs Stunden Sonne pro Tag. Dennoch schenkt sie alles, was wir brauchen: Licht, Wärme, Ernte. Aura des Gartens. Ich pflanze, schneide, wässere. Ein Zusammenhang entsteht zwischen uns und dem Ort, für eine Weile. Vögel und Insekten, Wasserstellen, Früchte, Nektar. Es könnte nicht schöner sein. Und doch ruft Mitteleuropa: Kinder, Enkel, Tennis.
Sonne, Mond – sie geben den Rhythmus vor: Tage, Wochen, Monate, Leben. Wir halten uns für Beobachter, sind längst Teil des Spiels – manchmal wie ein schlechter Witz, manchmal wunderbar. Wer mit diesem Rhythmus lebt, kann glücklich sein. Vögelgesang, Blüten, Früchte, Humus. Mehr nicht. Weniger auch nicht. Und ja, wir tun so, als hätten wir alles unter Kontrolle. Wenn da nicht Zhuangzi blinzeln würde.
84 Sanusi
Unser altes Haus wird umgebaut. Heute, 16. April, kommen endlich die Fenster, die Wände werden gestrichen – von Sanusi, einem gambischen Flüchtling. 2023 kam er mit der x-ten großen Ankunft; mehr als 40.000 Menschen pro Jahr seit 2022/23. Die Nachrichten waren dramatisch: Tod, Gewalt, Krankheit, Kinder, Abschiebung unmöglich. Gleichzeitig gibt es die andere Seite: Aufnahme, Hilfe, Integration, lächelnde Menschen, afrikanische Ringer, Fußballer.
Sanusi lebt in einer herrenischen Familie, lernte Spanisch und verdient nun etwas Geld beim Streichen bei uns. Er will bleiben, arbeiten, Geld nach Hause schicken, dann weitersehen. Jetzt hat er Papiere, ein Bankkonto, fühlt sich wohl und arbeitet langsam und freundlich. Das Haus ist weiß gestrichen. Das Chaos draußen bleibt draußen. Und wir tun so, als könnten wir es kontrollieren.
85 Rückreise
Mitte April brechen wir auf. Wir räumen, schließen, lassen zurück. Fragen bleiben offen, wie immer. Dieses Haus ist kein Ziel, sondern ein Rückzugsort. Ein Ort des Weniger. Ein Ort, an dem ich langsamer werde, vielleicht auch geringer. Ob das gut ist, weiß ich nicht. Aber es ist wahr.
Wir verlassen das alte Haus und das Feigenhainhaus bis September. Vieles wird verstaut, aufgeräumt. Wer kommt als Nächstes? Kinder, Freunde? Wie verändert sich die Wahrnehmung seit wir hier leben, seit wir renovieren? Wollen wir mehr Genauigkeit, Absprachen, Ordnung? Mehr Regeln, weil manches neu ist? Nur wir verwalten jetzt Haus, Auto, Schlüssel – nicht mehr Fran. Elektroauto teilen? Kostenbeitrag? Professionell putzen lassen? Die Ideen vom offenen Haus, von Selbstverantwortung, von Freiwilligkeit – funktionieren nur teilweise. Zu viel bleibt offen.
Der Aufenthalt von Oktober bis Mitte April war unterbrochen durch eine Reise nach Burundi und Tansania zu Tochter und Enkelin. Ab Mitte Januar zurück. Der viele Regen im März und April füllte endlich die Wasservorräte. Was dieser Ort, das Haus, der Garten, das andere Haus für mich bedeuten, bleibt nur teilweise klar. Am ehesten: ein Rückzugsort. Rückzug aus der Welt, Abkehr, Erholung von Lärm, Geschwindigkeit, Gerede. Ein Ort, an dem weniger reicht, langsamer genügt, das kapitale Leben bewusst begrenzt wird.
Und doch bleibt die Ironie: Wir fliehen aus der Welt, nur um uns in einer kleinen Holzhütte selbst zu begegnen. Wir tun so, als könnten wir uns dabei nicht beobachten. Und vielleicht ist es ein Lernen, ein Selbstbildungsprozess: vieles anders tun, nichts wirklich festhalten – und ab und zu lachen über mich selbst.
September 2025
86 Ankommen (erneut)
Wir werden übermorgen nach El Hierro gehen. Wir haben es häufig getan. Gehen klingt weniger endgültig als reisen, weniger als aufbrechen.
Ich werde dort ein halbes Jahr verweilen, gärtnern, nachsinnen. Verweilen ist ein Wort, das mehr verspricht, als es hält. Es suggeriert Ruhe, wo meist nur Verlangsamung eintritt. Ich kenne meine Tagesabläufe, meine Vorlieben, meine Abneigungen. Aber nicht mich. Vielleicht genügt das. Vielleicht ist mehr Kenntnis auch gar nicht vorgesehen.
87 Herkunftslinien
Mein Wesen wird für mich erkennbarer, seit ich meine Vaterseele deutlicher wahrnehme. Sein starker Wille zur Verbindlichkeit, seine Sparsamkeit, seine Selbstdisziplin. Tugenden, die ich lange als Zumutung empfand und nun als Teil meines Lebens erkenne. Ohne sie würde vieles zusammenfallen, auch wenn ich mir das gern anders erzähle.
Meine Mutterseele zeigt das Spielerische, das Gespür für Atmosphären. Intuition. Sie erlaubt mir, mich treiben zu lassen, ohne sofort Schuldgefühle zu entwickeln. So geprägt kann man sich selbst zwischenräumlich entfalten, zwischen dem Landgang des Vaters und dem Meeresrauschen der Mutter. Land und Meer rufen nach einem Dritten: nach Watt, nach Strand. Mein Leben erscheint mir zunehmend als eine Abfolge von Strand- und Wattwanderungen. Man hebt auf, was angespült wird. Manches ist brauchbar. Manches nicht. Manches erkennt man erst später.
88 Provisorien
Build your own house, meinte Emerson. Eine Aufforderung, die zugleich Ermutigung und Überforderung ist. Unsere Unterkunft, das Feigenhainhaus, unsere Holzhütte auf Stelzen ist brüchig, nie endgültig. Sie ist selbst übergängig, zwischenräumlich, durchlässig für Wetterlagen und Stimmungen. Stimmig wäre das eigene Leben dann, wenn es sich mit diesen Atmosphären verbindet, ihnen ähnlich wird, ohne das Eigene ganz aufzugeben. Eine Zumutung an mein Gefühl der Stimmigkeit.
Wenn Wind und Wetter drehen, lassen sich vielleicht die Fenster schließen. Die Punktfundamente aber werden nicht verstärkt. Sie bleiben Punktfundamente. Sie tragen Hütte und Veranda, nicht mehr. Meine Hoffnung für dieses Leben ist entsprechend: so weit es geht ruhig und durchlässig weiterzuleben und die Natur nicht zu vergessen. Auch die Umwelt nicht. Auch die anderen nicht. So werde ich vielleicht irgendwann ankommen, und es wird weitergehen. Wie, weiß ich nicht. Das ist kein Mangel mehr, sage ich mir.
89 Hybridität
Das Leben erscheint mir nicht nur komplex, zufällig und undurchsichtig, sondern auch selbstwidersprüchlich. Mein Außen spiegelt mein Innen, mein Innen mein Außen. Besonders deutlich wird das bei Ortswechseln, also genau dort, wo ich mir gern einbilde, etwas hinter mir zu lassen.
Wir sind angekommen. Die Kalima-Hitze bedrängt uns, trocknet Pflanzen aus, tötet einige in unserem kleinen Paradies. Das Wort Paradies wirkt in solchen Momenten unangebracht, fast taktlos. Die Tröpfchenbewässerung leckt. Ich wässere mit der Hand. Mein angelegtes Hybrid El Hierro–Freiburg kann als Bereicherung empfunden werden, aber ebenso als unlebbar. Beides ist richtig.
Die Feigenernte ist überbordend. Wir sind zum richtigen Zeitpunkt hier. Das Frühjahr war kühl und feucht, die Ernte ungewöhnlich reich. Avocados, Beerensträucher und Orangen hingegen haben gelitten. Zu viel Wind, zur falschen Zeit. Die einheimischen Bäume stehen prächtig da. Der alte und der neue Walnussbaum darben. Auch das gehört dazu: Anpassung ist keine Garantie.
Noch wird die Kalima vier Tage dauern und dann wird es spätsommerlich bzw. frühherbstlich angenehm. In Freiburg hingegen kommt der Herbst, die Kühle und der Regen. Auch der Nebel wird dort einziehen. Hier wird er deutlich später beginnen: manchmal erst im Dezember oder gar im Januar. Wir haben unser Hiersein auf September vorgezogen und bleiben nun genau ein halbes Jahr. Es scheint sich zu bewähren. Doch die exakte Hybridität (halb, halb) verbirgt und offenbart auch Kosten. Tod und Stllstand. Am alten Haus wurde nicht gearbeitet, und so ist es weiterhin eine staubige Baustelle. Der Garten wurde nur unzureichend gewässert und so starben Pflanzen und Regenwürmer. Es wird so weiter gehen und daher sollten wir Menschen finden, die in der Glut des Sommers im Juli und August hier oben sein wollen. Ein Gedanke, der sofort neue Probleme erzeugt. Aber das ist man inzwischen gewohnt.
90 Casa Goyo
Der Gang in die Casa Goyo beginnt heute, 19.9., um 11.30 Uhr. Etwas später als üblich. Freude und Betrübnis. Freude, weil Isabel und Javi so zugewandt sind wie immer. Betrübnis, weil „mein“ Bocadillo nicht mehr existiert. Javi bietet kein Frühstück mehr an. Kein Personal. Kostenreduktion.
Überall schließen Läden oder wechseln den Besitzer. Venezuelaner übernehmen Restaurants, Kneipen. Stoischer Fatalismus. Ich bewundere ihn seit Langem. Er gibt dem Leben Ruhe. Schicksal ist hier kein religiöser Begriff, sondern eher ein meteorologischer. Man stemmt sich nicht gegen Veränderung. Man modernisiert nicht aus Prinzip. Ich wundere mich – kein Bocadillo! – und erweitere meine Sicht auf das Leben. Zumindest so, dass es sich schreibend erweitern lässt.
91 Schreiben
Nun sitze ich wieder hier, wässere Pflanzen, ernte, koche, genieße Alisio und Ernte. Duft, Licht und Vogelstimmen. Den Glanz dieses Ortes zu beschreiben ist nicht möglich. Vielleicht sollte man es deshalb versuchen.
Unsere Feigenhainhäuschen liegt auf Höhe der Feigenwipfel, im Luftzug. Hier zu schreiben ist ein Privileg. Man könnte es Entscheidungen zuschreiben. Das wäre sehr einfach. Glück, Kairos und eine gewisse Unvernunft haben uns hierhergeführt. Ich hatte mir immer eine Schreibhütte gewünscht. Dass sie so aussehen würde, war weder planbar noch verdient. Dieses Feigenhainhaus ist Teil einer scheinbaren Sinnsuche, genauer unserer Suche nach Sinnlichkeit und folgt einer Intuition und keiner Abwägung. Man gibt der Sehnsucht, dem Genuss, dem Ästhetischen den Vorzug. Man folgt dem Unterbewussten. Den Sirenen. Schreiben wird zum Nachsinnen über das eigene Spüren. Der Anspruch bleibt widersprüchlich, selbstwiderspürchlich: Wahrheit, Richtigkeit, Wahrhaftigkeit. Ich kann daran nur scheitern. El Hierro ist ein guter Ort dafür. Habermas würde weinen.
Ein Anliegen hier ist, die rigide Trennung von objektiver Wissenschaft und subjektiver Literatur aufzuheben. Aber beide gehen weiterhin von einer fragwürdigen Prämisse aus: dem inneren Subjekt und dem äußeren Objekt. Weder das wissenschaftliche noch das literarische Subjekt kommen aus dem Irrweg heraus. Jedes Schreiben hat wahrhaftig Auskunft zu geben und ob dies richtig oder wahr oder wahrhaftig ist, können andere prüfen.
92 Feigenernte
Seit Sonntag, dem 21.9., ist die Kalima zu Ende. In Mitteleuropa beginnt der Herbst, hier wird es frischer: zwanzig bis fünfundzwanzig Grad. Der Alisio kommt nun aus Nordosten, frisch, klärend. Gomera und Teneriffa sind wieder deutlich zu sehen un sie sagen: Wir sind immer da. Die Feigenwipfel zeichnen sich scharf vor dem blauen Meer ab. Man sieht plötzlich wieder Konturen.
Wir haben Glück. Die kühlen, feuchten Monate von März bis Ende Juni – eigentlich zu spät und zu viel – haben die Feigenreife verzögert. Für uns ein Segen, versehen mit einer großen Ernte. Für die Weinbauern kam der Regen zu spät. Glück ist immer ungleich verteilt und selten gerecht. Die ersten Feigen sind reif, süß, voll, fast übertrieben aromatisch. Nun ernten wir: morgens, mittags, manchmal auch nachmittags, wenn man eigentlich schon genug hatte. Wir verteilen sie an Nachbarn, frieren sie ein, trocknen sie. Das meiste essen die Vögel. Der Feigenhain ist voller glücklicher Amseln und Kanarienvögel. Sie wirken zufrieden, ohne darüber nachzudenken.
Hoffentlich kommt kein Regen. Hoffentlich reifen die vielen unreifen Früchte noch. Die Arbeit mit den Feigen wird uns drei Wochen beschäftigen. Dann ist ein Teil der Ernte eingebracht, der Rest geht an Tiere und Boden. Alle haben Anteil am Erntesegen, auch die Regenwürmer, denn viele heruntergefallene Feigen landen auf dem Kompost. Ein Kreislauf, der ohne uns vermutlich besser funktionieren würde.
Nun hat es doch ein wenig geregnet. Die Ernte ist gefährdet. Einige Feigen bekommen Maden. Die Trocknung geht schleppend voran. Die Vögel hingegen bleiben guter Dinge. Wir können die Ernte kaum sinnvoll verarbeiten. Nachbarn und Freunde haben inzwischen genug – oder haben Maden entdeckt. Sie lagen wohl zu lange. Zügigkeit ist eine bäuerliche Tugend, die ich nur theoretisch beherrsche.
Eine bäuerliche Existenz ist komplex und von allerlei Zufälligkeiten abhängig. In einer Zeit, in der Sicherheit, Ordnung und Kontrolle verlangt werden, bei gleichzeitigem Fehlen religiöser Deutung, entstehen erhebliche Sinndefizite. Man nennt sie dann Probleme.
93 Baustellen
Die gegenwärtige Gesellschaft – in Deutschland mehr als in Spanien – zeigt sich als Baustelle. Es nimmt nicht wunder, dass sich das auch im eigenen Leben niederschlägt. Ob Autoanmeldung, Renovierung, Feigenernte, „Selbstzahler“ in der Krankenversicherung mit entsprechenden Nachzahlungen: Alles wird zum Problemlösen. Und man selbst ist entweder überfordert oder man hält anderes für dringlicher. Beides stimmt.
Wir haben Schlimmeres überstanden, aber wir werden älter und leider nicht geduldiger. „Ihr solltet das Leben mehr genießen“, raten die Kinder, die unsere Klagen kennen. Zum Glück telefonieren wir regelmäßig mit ihnen und es geht ihnen gut. Also: Was soll das Klagen? Es geschieht trotzdem.
Die ersten Tage auf der Insel waren zäh. Vieles muss abgearbeitet werden. Die Renovierung stockt. Der Bauleiter lebt jetzt in Belgien, kommt erst im Oktober. Der Elektriker lässt sich nicht blicken. Der Küchenbauer meldet sich verspätet. José, der Hauptarbeiter, hat seit März einige Steckdosen gesetzt. Was mich nervt: überall Bauschutt, überall Staub. Ich greife zum Besen und staple den Schutt. Eine Handlung mit begrenzter Wirkung. Es beruhigt mich ein wenig.
Die Bäume verlieren Blätter, der Kompost ist zu trocken, ich sprenge ihn morgens und abends. Wenigstens unsere zweijährliche Rückmeldung bei der Ausländerbehörde hat im zweiten Anlauf geklappt. Europa. So fahren wir mit unserem Auto von Behörde zum Rechtsanwalt, kaufen ein, schleppen Regalbretter zum Schreiner und warten auf den Elektriker. Zum Glück ist die Insel klein. Zum Glück gibt es keine Staus, keine Ampeln.
Es fällt mir schwer, nicht zu klagen, einfach hinzunehmen, zu warten und das Leben zu genießen. Bewegung, Wandern, Schwimmen kommen zu kurz, Rhythmus und Übungen versiegen. Die Kompensation beschränkt sich auf gutes Essen und ruhige Abende. All diese Baustellen wären schwerer zu ertragen ohne Garten und Landschaft. Die Insel bleibt unsere Insel. Und unser Leben ist schön. Wenn nur die deutsche Gesellschaft und die Kriege nicht wären. Diese Klage ist lächerlich. Ich schalte das Heute-Journal ein.
Am nächsten Tag, dem ersten Oktober, gibt es Fortschritte. Bauschutt wird abgefahren. Leisten montiert. Eine neue Tür eingebaut. Der Architekt kommt vorbei, bespricht Fenster, Abwasser, Pergola, Fassadensanierung. Manches wird gestrichen: zu aufwendig, zu teuer. Wenn José Silva kommt, ist unsere Baustellenwelt in Ordnung. Wir sind sicher, dass diese Renovierung nächstes Jahr enden wird. Sicherheiten sind nützlich, solange man sie nicht prüft.
Ich beginne, die Holzhütte und die Veranda mit Leinöl zu tränken. Zwei Tage lang. Ich frage mich, wie Thoreau das gemacht hat. Wenn man wie er nur zwei Jahre experimentiert, ist alles einfacher, man kann es vieles nicht tun oder einfach nicht darüber berichten.
94 Von der Schönheit
Es gibt das schöne Leben. Wenn es da ist, spürt man es. Es ruft das Selbst hervor, die Außengrenze . Das Man bleibt, aber es tritt zurück. Arbeiten, einkaufen, Nachrichten schauen, Sport treiben – das bleibt. Das schöne Leben ereignet sich plötzlich, im Modus des Kairos. Vögel singen. Das Licht kippt. Die Stimmung wird ätherisch. Man versteht nichts und muss nichts verstehen. Es ist jenseits der Selbstoptimierung. Nur das Man lässt sich optimieren, nicht das Selbst.
Es beginnt mit einem Sonnenaufgang aus dem Meer und endet mit einem Sonnenuntergang im Meer, vier Kilometer entfernt auf der anderen Seite. Dazwischen: Mittag, Ruhe. Blätter und Schmetterlinge im Alisio. Vögel in den Tränken. Das Leben könnte nicht schöner sein. Blau, Grün, Blüten. Ein Ineinander von Mensch und Natur.
Man spürt keine Widerstände. Selbst ein Ziehen, ein Schmerz stört nicht. Man ist auf der Seite des Selbst. Jederzeit kann man zurückgestoßen werden ins Man. Chronos übernimmt, das Selbst zieht sich zurück. Das schöne Verweilen ist vorbei.
95 Der Garten
Unser Garten hier oben ist der Garten Eden. Jeder schöne Garten ist sein Abbild. Unser Garten ist unsagbar schön, weil er unübersichtlich, vielfältig, wild und doch geordnet ist. Diese Ordnung zerfällt rasch. Dann bringen wir wieder etwas Ordnung hinein. Er ist kein Bauerngarten, kein Landschaftsgarten, kein Hausgarten. Am ehesten ein großer Kleingarten. Er ist unser Garten und doch nicht unser Garten. Wetter und Lebewesen formen ihn täglich neu.
Auch nach zehn Jahren ist er nur teilweise entdeckt. Er bleibt immer auch fremd. Das Wetter, die Tiere und Pflanzen formen ihn dauernd um. Auch nach 10 Jahren ist er nur teilweise entdeckt; er ist immer anders, bleibt auch unentdeckt; manches stirbt, anderes gedeiht. Der Wechsel der Jahreszeiten ist deutlich spürbar. Gleißend heiß im August, kühle Nächte im September, Bruma im Februar. Die Pflanzen mögen das. Nur so bringen sie Frucht und Gesang hervor.
Wenn jeder Tag ohne Sonne ein verlorener Tag ist, dann ist auch das Verlorensein schön. Es kommt selten vor, vielleicht dreißig bis fünfzig Tage im Jahr. Und doch ist es immer schön, auch wenn ich es nicht sehe, weil mich das Man ergreift. Das Verlorensein an die andere Seite ist schön. Man braucht dafür nur den anderen Zustand. Musil hat recht.
In diesem Garten ist er täglich möglich. Ich brauche keine Meditation, keine Übungen, keine Religion. Ich trete auf die Terrasse. Das genügt.
96 Die große Ernte
Die Feigenernte könnte größer nicht sein. Und genau darin liegt das Problem. Sie ist nicht handhabbar. Die Gefrierfächer sind gefüllt, der Trocknungskasten arbeitet gegen die Feuchtigkeit an, meist vergeblich. Zu viele Feigen schimmeln, als wollten sie sagen: Mehr ist nicht besser. Heute, am 3.10., hält sich der Nebel bis halb drei. Dann reißt es plötzlich auf, binnen Minuten ist es warm, trocken, der Himmel strahlend blau. Planung wird zur Fiktion.
Die Feigen reifen schneller, als wir sie ernten können. Manche platzen auf, weil sie Wasser ziehen. Am Morgen war unsere Hektik groß, denn Regen drohte. Nun scheint alles gut. Für wie lange, weiß niemand. Wir beginnen zu ahnen, was bäuerliche Existenz bedeutet: ein Pendeln zwischen Handlungsdruck, Fatalismus und einer leisen Naturreligiösität. Von diesen drei Elementen ist im modernen Stadtleben nur der Handlungsdruck übrig geblieben.
Für mich bleibt die Aufgabe, ruhig zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass es gut ist, wie es ist. Zum Glück reicht es uns, zwei bis drei Prozent der Ernte einzufahren. Der Rest gehört den Vögeln, dem Boden, dem Zufall. Wichtiger wäre die richtige Technik. Dehydratation. Ein Gerät, das wir nächstes Jahr kaufen werden. Für dieses Jahr reichen die Gefrierfächer. Sie sichern unsere Jahresversorgung und unser gutes Gewissen.
97 Das alte und das andere Haus
Im alten Haus geht es voran. Ich kehre die Reste zusammen. Abends genieße ich die Aussicht aus den neuen Fenstern und freue mich. Freude ist ein schlichtes Gefühl, das man nicht weiter analysieren sollte. Das andere Haus hingegen – und die halb umlaufende Holzterrasse – verlangen Aufmerksamkeit. Dringend. Das Holz ist angegriffen, braucht Leinöl. Fenster, Wände, Tür, Terrasse: alles müsste alle zwei Jahre geölt werden. Ich bin zu spät. Erste Risse zeigen sich. Die Fenster auf der Regenseite sehen bereits müde aus.
Davon war bei Thoreau keine Rede. Auch bei Zhuangzi lese ich nichts über Leinölintervalle. Von der spontanen Geschmeidigkeit bleibt mir vor allem die Achtsamkeit des Kochs Ding. Es gibt keine Rezepte für ein anderes Leben. Jedes andere Leben ist anders. Jedes andere Haus ebenfalls. Jedes Haus verlangt eine eigene Form der Reparatur, ob normal oder anders. Es gibt nur meine individuelle Mythologie und unsere sehr konkreten, an Ort, Jahreszeit und Problemlage angepassten Strategien. Vor allem gibt es keine übertragbaren Erfahrungen. Mein Selbstexperiment bleibt mein Selbstexperiment. Und es bleibt anstrengend, wenn es konkret ist.
98 Thoreau
Es war Walden, das mir zunächst als Vorbild für diese Tagebücher diente. Die Authentizität überzeugte mich. Heute zweifle ich daran, zumindest an meiner damaligen Lektüre. Wie hat Thoreau sein Haus gepflegt? Wie hat er sich ernährt? Wie entsorgte er seine Ausscheidungen? Woher kam sein Wasser? Je länger wir auf El Hierro wirtschaften, desto konstruierter erscheint mir Walden. Das spricht nicht gegen Thoreau, sondern gegen meine Erwartungen.
Auch andere Aussteigertexte lese ich heute anders: vom Monte Verità bis zu Helen und Scott Nearing. Sie sind motivierend, gut gebaut, literarisch überzeugend – und beschönigend. Scheitern kommt selten vor. Moral und Gelingen dominieren. Literatur ohne Wahrheitsanspruch, wie es Wissenschaft ohne Wahrhaftigkeitsanspruch gibt. Eine verhängnisvolle Arbeitsteilung: scheinbar subjektiv hier, scheinbar objektiv dort. Dazwischen wenig Leben.
99 Musil
Je länger ich nachsinne, desto wesentlicher werden mir Musils Überlegungen zum „anderen Zustand“. Liebe, Güte, Kontemplation, Weltabgekehrtheit – ein Grunderlebnis, das sich durch Kulturen zieht und „merkwürdig entwicklungslos“ geblieben ist. Mit Leidenschaft beschrieben, mit Ungenauigkeit behaftet. Und doch hinterlässt es Spuren im gewöhnlichen Leben. Es bildet das „Mark unserer Moral“, verborgen zwischen den „harten Fasern des Bösen“.
Diese Spuren sind Zwischentöne, Schwingungen, Simultaneffekte. Musils „Atemzüge eines Sommertags“ zeigen das: Sprache, Schweigen, Leben und Tod verschränken sich. Die Herzen stehen still. Man liest und weiß: Das ist wahr, ohne überprüfbar zu sein.
Ist der andere Zustand ein Geisteszustand? Eine Intuition? Eine Imagination? Vielleicht alles zusammen. Sicher ist nur: Ohne diese Parallelwelt, ohne Zwischenräume, kann mein Manselbst nicht glücklich werden. Wo sie sich zeigen, bleibt offen. Manchmal ist es El Hierro. Manchmal nur ein Satz. Manchmal nichts.
100 Hölderlin
Die Notizen von El Hierro 1 endeten mit Hölderlin. Ulrich hatte die Gedichte mitgebracht. Nun ist Ulrich nicht mehr da. Die Gedichte sind geblieben. Heute lese ich „Hälfte des Lebens“ anders. Nicht als zeitliche Abfolge, sondern als Gleichzeitigkeit. Die eine Hälfte spricht, die andere schweigt. Auf das Unsagbare kann man nur zeigen, wie Wittgenstein meinte.
Diese zweite Hälfte ist Umwelt, Zwischenraum, anderer Zustand, parallele Welt. Das Leben bleibt unauflöslich zweigeteilt. Dieser Zwiespalt lässt sich bejahen. Wieviel Übung es braucht, ihn zu spüren, weiß ich nicht. Vielleicht zu viel.
Es scheint mir sinnvoll, an zwei Orten zu leben, um diese Hälften zu erfahren. El Hierro ist kein Ferienhaus, kein Aussteigertraum. Es ist die Möglichkeit des anderen Zustands. Vergleichbar mit meinem Tennisspiel: Wenn ich warte, wenn ich spiele, kommt der Ball und ob ich ihn genau treffe bleibt unbestimmt. Ohne Übung geht es nicht.
101 Ordnen, putzen
Wir leben in Räumen, die bestimmt sind, und in solchen, die es nicht sind. Einige bleiben Räume, andere werden Orte, wenige ein Zuhause. Bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr waren das meine Eltern, genauer gesagt: meine Mutter. Wo sie war, war Heimat, auch wenn ich das damals nicht wusste.
Haus und Garten funktionieren nur, wenn man sie abwechselnd ordnet und wieder verwahrlosen lässt. Alles zerfällt, und fast alles lässt sich noch einmal aufrichten. Putzen, Ölen, Sortieren – Tätigkeiten, die weniger der Verbesserung dienen als der Beruhigung.
Ich habe die Leinölanstriche weitergeführt. Meine Hände riechen nun eine Zeit zitronig-leinölig. Steg, Veranda, Geländer sind erledigt, jetzt die Fenster. Sechs Jahre alt, wettergeprüft. Man müsste hier jedes Jahr streichen. Ich habe es nicht getan. Das Holz merkt sich so etwas. Es reißt.
Auch innen pflege ich zu wenig. Ein Landhaus sollte regelmäßig mit Zitronenwasser gewischt werden, Mäuse mögen keine Zitrone. Ich habe Räucherstäbchen aufgestellt, ein schwacher Ersatz. Tiere dürfen kurz hereinschauen, bleiben sollen sie nicht.
Die Lektüre der Gesundheitsempfehlungen – allein zum Thema Mäuse – erinnert an Corona. Handschuhe, Masken, Vorsicht. Wenig belastbare Zahlen, viele abschreckende Beispiele. Also wieder: nicht panisch werden, aber auch nicht nachlässig. Ein Zustand, der mir vertraut ist.
102 Rhythmus
Wie der Raum, so die Zeit. Auch sie braucht Ordnung, sonst fällt sie auseinander. In Jahreszeiten und Tagesrhythmen zu leben ist mir hier zur Gewohnheit geworden. Es erscheint mir sinnvoll, bin mir aber nicht sicher.
Der 13.10. beginnt als brauchbarer Tag. Ich wache um halb acht auf. Vielleicht lag es am Glas Rotwein. Vielleicht am Telefonat mit Dominique. Vielleicht daran, dass ich rechtzeitig aufgehört habe zu denken. Gedacht habe ich trotzdem: über das Schreiben. Band 2, Band 3, Thoreau oder nicht. Am Morgen dann die Entscheidung für ein Rückkehr-Buch. Was nehme ich mit nach Freiburg? Was bleibt hier? Lässt sich El Hierro verinnerlichen oder nur verlassen?
Ich trinke Tee, mache meine Übungen, ernte Tunos, wässere Pflanzen, telefoniere mit dem Verleger, wische die Küche, zünde Räucherkerzen an, öle Fenster, schreibe. Zwölf Uhr. Pablo ruft wegen des alten Ofens an. Ich versuche Dominique zu erreichen. Der Tag fühlt sich überraschend vollständig an.
Pablo kommt vorbei, freut sich, wir werden uns einig. Der Ofen ist weg. Ein neuer wird kommen. Ich koche. Um zwei beginnt die Siesta, diese merkwürdig ernst gemeinte freie Zeit des Tages. Essen, Schreiben, zwanzig Minuten liegen. Danach Abwasch, Kaffee, Wäsche, Schreiben. Nebel zieht auf. Die Batterie ist fast voll, was mich mehr beruhigt, als es sollte.
Dann lese ich Nachrichten. Seltene Erden, China, Kriegsszenarien. Ein Satz bleibt hängen: nicht mehr im Frieden, noch nicht im Krieg. Der Tag wird plötzlich porös. Ich merke, wie leicht ich mich fremdbestimmen lasse, wenn ich nur oft genug nachfrage. Ich verstehe Menschen, die sich zurückziehen. Ich verstehe die Deutschen hier. Dass sie gegangen sind. Dass sie bleiben wollen. Dass sie glauben, hier anders zu sein. Nun gut, es bleibt in jedem Fall selbstmissverständlich, wenn nicht gar selbstwidersprüchlich.
Es ist fünf. Nebel. Ich will noch mal raus. Morgen Regen. Stattdessen denke ich zu viel. Natur und Geist sollen die Basis bleiben, sage ich mir. Mein Körper soll gesund bleiben. Meine Seele möglichst auch. Der Geist wird schon hinterherhumpeln.
103 Gesunden
Ich bin selten krank, dafür häufiger leicht daneben. Der Wunsch nach Gesundheit meldet sich nicht direkt, sondern als Unruhe, wenn andere krank werden oder sterben. In den Jahren 2019 bis 2021 wurde diese Unruhe dauerhaft. Corona. Ausnahmezustand. Exekutive. Wenig Mitte. Ich las viel und wurde trotzdem misstrauischer. Einige Texte beruhigten mich, die meisten nicht.
Hier auf El Hierro verschwand die Angst früher als anderswo. Irgendwann war sie einfach nicht mehr nützlich. Spanien wirkte danach gelöster. Vielleicht nur auf mich. Die Jahre danach verbrachten wir in Übergängen: Freiburg, Zürich, Toskana. Zimmer bei Freunden, ein Gaststatus bei den Kindern. Erst jetzt, mit zwei festen Orten, merke ich, wie anstrengend das war. Ich nenne das – mit Hermann Hesse – eine neue Stufe. Wahrscheinlich heißt sie nur: vorläufige Stabilität.
104 Logical Song
Auf der Fahrt nach Hause höre ich den Logical Song. Ein Lied, das sich beschwert, ohne laut zu werden. Trotz allem fröhlich sein. Es erinnert an eine Zeit, in der die Welt unverständlich war, aber noch nicht feindlich. Die Idee, dass etwas Wesentliches verloren ging, taucht überall auf: bei Thoreau, Whitman, im Kleinen Prinzen. Nicht die Systeme kümmern sich ums Wesentliche, sie funktionieren, wenn es gut geht. Man muss sich selbst ums Wesentliche kümmern, was unerquicklich ist und selten genug gelingt. Der kluge Rat: Werde, der du bist, heißt vor allem: niemand hilft dir dabei. Es bleibt das Problem, dass ich nicht weiß, wer ich bin.
Hier treffe ich viele Aussteiger. Sie haben genug. Ich verstehe das. Weniger verstehe ich, wie leicht man glaubt, durch Ortswechsel ein anderer zu werden. Man nimmt seine Ansprüche zum Beispiel an Effizienz mit und unterschätzt dann die Langsamkeit der Inselbewohner; was zu Unmut führt. Dabei ist sie eine Form von Wissen, die klimatisch und vulkanisch bedingt ist. Abhängigkeit vom Wetter ist keine Romantik.
105 Erinnerung und Rückblick
Ich bin eine Zeit lang allein hier. Acht Jahre zurück: Sabbathjahr, Tagebuchbeginn. Damals begann alles mit Kochen und einer gewissen Strenge mir selbst gegenüber. Allein koche ich meist wenig. Heute koche ich zu viel. Kartoffeln, Auberginen, Paprika, Zwiebeln, Feigen, Möhre, Minze, Tomate. Am Ende ein lauwarmer Salat. Weißbrot, getoastet. Geräucherter Käse.
Beim Essen denke ich an Zhuangzi. Kein Lehrer, kein System. Eher jemand, der sich weigert, ernst genommen zu werden. Muße statt Verbesserung. Ein Gedanke, der mich zuverlässig beruhigt. Mein idealer Begleiter. Ich sinniere.
Alles begann vor zehn Jahren mit dem Kauf dieser Finca. Wir nahmen Haus und Garten in Besitz, was zunächst bedeutete, sie überhaupt benutzbar zu machen. Bis 2021 kamen wir zweimal im Jahr, setzten instand, pflanzten Bäume, zogen Mauern hoch und entfernten nach und nach die giftigen Materialien, Silikon, Plastik, alte Farben. Es war weniger ein Projekt als vielmehr fortgesetzte Korrekturen. Weder Revolution noch Bestandserhaltung sind strategisch und methodisch angemessen.
2017/18 wollte ich die Auszeit nutzen, um alte Ideen auszuprobieren: Thoreau, Emerson, Unabhängigkeit, self-reliance. Ich wollte durchlässiger werden, ein durchscheinendes Auge, ein offenes Ohr. Das Geringer-Werden meinte nicht Askese, sondern die Reduktion des inneren Kapitals: weniger Hunger nach Geld, Wissen, Macht, Recht. Durchlässigkeit durch Vereinfachung.
Ich begann mit dem Äußeren. Weniger Wohnraum. Der Rest sollte sich ergeben. Das Tiny-Haus auf Stelzen brauchte bis 2023. Zwei unserer Kinder bauten die Möbel: Bett, Tisch, Schränke. Dieses Haus aus Holz war dem Wetter zu sehr ausgesetzt. Das Dach musste bald geflickt werden, die Terrasse überdacht, Tür und Glasfront in Teneriffa bestellt. Aus der Terrasse wurde eine Veranda nach Südosten. Es zog sich. Seit 2021 kommen wir halbjährlich. Noch immer ist das andere Haus, als Feigenhainhaus, nicht fertig. Küche und zwei Regale fehlen. Wir wohnen trotzdem darin.
Seit Oktober 2024 renovieren wir das alte Finca-Gebäude, vor allem die obere Wohnung. Küche und Bad wurden nach hinten verlegt. Eine neue Wohnküche entstand. Heute, am 10.10., kommen Teile der Küche. Ab Dezember folgt der zweite Abschnitt: Fenster, Abwasser, Wärmetauscher, vielleicht ein neuer Ofen. Fertig sein wollen wir im März 2026.
Renovieren nimmt einen erstaunlich großen Teil des Lebens ein. Man fragt sich irgendwann, für wen man das eigentlich tut. Und ob man sich dabei der Idee des anderen Hauses nähert oder sich nur weiter von ihr entfernt.
Es sieht nach Äußerlichkeiten aus. Aber sie spiegeln das Innere. Alles folgt einer Idee, auch wenn man sie erst später erkennt. Je länger man daran arbeitet, desto weniger bleibt es fremd. Das Andere verliert seine Aura, sobald es zum Projekt wird. Essen, Kleidung, Haus, Garten – alles sind Innen-Außen-Verhältnisse. Sie greifen in den Körper ein, bestimmen das Leben, ohne je ganz greifbar zu sein. Aber der Körper spürt es. Es zieht und drückt weniger. Man spürt ihn häufiger gar nicht, sondern nur, dass er sich in seiner Welt wohl fühlt. In diesem Haus mit dieser Veranda ist das einfach so.
106 Geringer-Werden
Wird mein kapitales Ich dadurch geringer? Vielleicht. Am ehesten bewirken das Wetter, Vögel, Regenwürmer und unaufgeregte Herrenos. Und das Alter. Ich fühle mich noch beweglich, übe regelmäßig, Dominique und ich ermutigen uns. Laufen, schwimmen, manchmal wandern. Die Garten- und Hausarbeit hilft ebenfalls, wahrscheinlich.
Große Unterschiede zu früher spüre ich nicht. Vielleicht bin ich etwas müder. Vielleicht kostet alles ein wenig mehr. Auch das ist hilfreich. Ich frage weniger nach. Kleine Verschiebungen, Korrekturen. Ich bin zufrieden damit.
Je weniger Außenkontakte, je weniger Bildungsvorführung, je weniger Ausgaben, desto weniger muss ich recht haben. Erich Fromm hat das ähnlich gesehen. Was das Sein ist, bleibt glücklicherweise unklar. Sein in der Zeit? In der Jahreszeit? In der Liebe, wie Musil meinte? Klarer wird mir nur: Ohne Vereinfachung, ohne Geringer-Werden, ohne Zueinandergehören gibt es kein wirkliches Sein.
Mein kapitales Ich kollidiert inzwischen mit der künstlichen Intelligenz oder fühlt sich von ihr bestätigt. Ein merkwürdiges Verhältnis. Ich stelle Fragen und bekomme wohlwollende Antworten. Sie stimmen – irgendwie. Ich fühle mich verstanden. Auch das macht mich misstrauisch.
107 Baumhaus mit Veranda
Das andere Haus ist kein anderes Haus mehr. Wir leben darin. Dadurch ist es normal geworden. Und bleibt doch alles andere als normal.
Es ist ein Holzhäuschen auf acht Stelzen, die am oberen Weg aufliegen. Ein Steg führt zur Veranda nach Südosten. Drei Meter über der Erde, in den Wipfeln der Feigen. Von unten gesehen schwebt es. Ja, es ist ein Baumhaus. Wir sitzen auf der Veranda und pflücken von Ende August und bis Ende September die Feigen direkt vom Baum.
Es ist ein Baumhaus, weil ich es so sehen möchte. Das Schwebende erstaunt mich jeden Morgen. Dieses Haus ist kein Ergebnis von Planung. Eher von Zufall, Glück und handwerklichem Geschick. Vier Stelzen waren schon da. Der Vorbesitzer hatte eine Sauna darauf gebaut. Sie zerfiel. Aus der Sauna wurde eine Hütte. Es dauerte vier Jahre. Lieferprobleme, Materialmängel, ein verschwundener Holzbauexperte. Viele, vor allem Benjamin, halfen mit.
Jetzt ist es da. Seit eineinhalb Jahren schlafen wir hier, schreibe ich hier. Es ist nicht mehr das andere Haus. Das Andere bleibt abwesend. Aber es ermöglicht andere Zustände. Zwischen Erde und Himmel. Eine taghelle Mystik, von der Musil sprach. Ein Dazwischen.
Feigenblätter wachsen auf die Veranda. Innen sehe ich durch fünf Fenster Himmel und Blätter. Keine Wand verstellt den Blick. Nur ein Schrank verdeckt das Bett. Die vierflügelige Glastür öffnet sich zum Sonnenaufgang. Ein Raum, eine kleine Badnische. Sonne tagsüber, Sterne nachts.
108 Glück
Baumhaus, Veranda und Garten sind ein stilles Glück. Die Sehnsucht ist verschwunden. Die Suche auch. Man kann einfach sein.
Weil dieses Glück normal geworden ist, verschwindet es. Und wird doch leichter erreichbar. Ein kleiner Sprung genügt. Tür öffnen, hinausgehen. Nähe statt Einssein. Die Morgenstimmung rührt an, man spürt sie, wenn man sie lässt und selbst keine Widerstände leistet. Daher geschieht es beiläufig, einfach so.
Der Garten hingegen zeigt seine Schönheit nicht von selbst. Er braucht Sorge und Pflege. Schnitt, Freilegung, Ordnung. Sonst überwuchert alles, und die Vielfalt geht verloren. Die Vielfalt ist es, die den Zauber erzeugt. Das Miteinander von Garten, Tieren, Veranda, Baumhaus und man-selbst kann zum Ineinander. Dann spüre ich mein Glück. Jedenfalls bilde ich es mir ein. Wenigstens das, und es gibt Gründe, dass es auch so sein könnte.
109 Das innere El Hierro
Wir wollten einen Garten und eine Gemeinschaft im Süden. Es wurde El Hierro. Die Gemeinschaft blieb aus. Besuche kommen, gehen.
Hier wurde mir meine Unbestimmtheit klarer. Ich bin geteilt: in das, was ich kenne, und das, was mir fremd ist. Ich glaube meinen Körper, meine Ideen und die mich umgebende Gesellschaft zu kennen – und fremd bleibt mir Chaos, Vergessenes, Verdrängtes. Ruhiger werde ich, wenn ich beides annehme. Wie? Der Wechsel zwischen den Seiten ist Übungssache. Stimmung hilft. Intuition auch. Nach sechzig Jahren Tennisspiel ist mir vertraut geworden: Man kann wollen oder es lassen. Die Unbestimmtheit ist gut und lässt sich nur ein wenig verschieben, korrigieren.
Der andere Zustand ist das Zueinandergehören von Bestimmtem und Unbestimmtem. Hier gelingt mir das leichter. Die äußere Natur kommt mir entgegen. Ich gehe auf die Veranda, in den Garten. Vielleicht verliere ich das innere El Hierro diesmal nicht wieder, wenn ich zurückkehre. Noch mehr spielen, Tennis und mit den Enkeln.
110 Land, Garten
Das Land ist eine meditative Übung. Esel, Hund, Hühner machen sich bemerkbar. Sonst Ruhe. Ankommen dauert. Jetzt, allein, werde ich ruhiger. Ich schlafe tief. Der Morgen ist die beste Zeit. Tür öffnen, hinausgehen. Sonne im Gesicht.
Der Garten ist unser Eden, mit vielen Fehlern. Zu wenig Wissen, keine geschlossenen Kreisläufe. Wir experimentieren. Ein halbes Jahr Anwesenheit reicht nicht. Regenwürmer habe ich gepflegt, verloren, vermisst. Erfahrung ersetzt keine Fähigkeit. Auch das ist eine Erfahrung.
111 Die gute Gesellschaft, der gute Mensch
Man kann vielen Ideen folgen. Religionen, Moraltheorien, Psychologie. Eine andere Welt entsteht dadurch nicht von selbst. Sie entsteht durch andere Menschen, andere Zustände und mehr Natur. Und durch Selbstbildung und Selbstprüfung.
Utopien scheitern oft am Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft. Jede Generation muss neu beginnen. Rückzug hilft mir, die dunklen Seiten zu betrachten, ohne sie zu entschuldigen. Die helle Seite gibt es nicht ohne die dunkle. El Hierro ist kein moralisch besserer Ort. Aber ein freundlicherer. Mehr Zeit, mehr Geduld. Weniger Eile. Das zeigt sich im Verkehr. Und im Ärger der Deutschen.
Ranglisten mit den Themen Glück, Wohlstand, Korruption erklären manches, vieles nicht. Glück ist auch institutionell. Aber entscheidend ist, ob man ohne Angst leben kann. Und ohne anderen zu schaden.
Was ist der Mensch? fragte bereits Kant. Ich vermute ein geteiltes Wesen. Gut und böse, bestimmt und unbestimmt, frei und abhängig. Alles lebt in mir. Wenn dem so wäre, wäre das richtige Leben ist das ganze Leben, nicht das abstrahierte. Zum guten Menschsein gehört, die leibliche Wirklichkeit ernst zu nehmen. Spielen, sorgen und kochen helfen – und lachen. Daher sollten alle Erfahrungen eine ästhetisch-leibliche Grundierung haben. Pathetisch gesprochen: Ohne den unbestimmten Zustand der Liebe kann man kein ganzer Mensch sein. Wir brauchen Unbestimmtheit wie Luft. Sie macht Stimmigkeit möglich. Niemand kann sie für mich herstellen. Mein Zufall bleibt mein Zufall. Mein Schicksal mein Schicksal. Was daran das „Meine“ ist, bleibt unklar. Die Unbestimmtheit bleibt.
Eine gute Gesellschaft wäre eine, die dem ganzen Menschsein Zeit und Raum böte. Dann käme der „richtige Sinn“ von ganz alleine.
112 Ungewissheit, Unbestimmtheit
Der Herbst hat auch hier begonnen, allerdings so langsam, dass man sich fragt, ob er wirklich begonnen hat oder nur darüber nachdenkt. Die Sonne ist noch warm, aber es kommen mehr Wolken, gelegentlich etwas Regen. Nicht genug, um eine gute kommende Ernte zu erwarten. Aber was sind schon Erwartungen? Wenn sie enttäuschungsfest wären, wären sie keine Erwartungen.
Wie viel Wasser brauchen die Pflanzen noch von uns? Wann reicht der Niederschlag? Wie stark ist der Klimawandel hier, und wie stark muss er noch werden, damit wir ihn nicht mehr übersehen? Kommt der große Regen erst im März – zu spät oder gerade recht, je nachdem, wen man fragt? Starkregen gibt es kaum noch, Nebel weniger. Und das Meer? Erwärmt es sich hier ebenso, geduldig und unbeirrt, ohne Rücksicht auf unsere Fragen?
Von der deutschen Regierung wird gegen den Klimawandel kaum noch etwas getan. Das ist erbärmlich, ein Wort, das sich rasch abnutzt, weil man es so häufig braucht. Unsere eigenen Versuche, CO₂-ärmer zu leben, wirken im Angesicht von Autoverkehr, Bauprojekten, Wachstumsversprechen und Krieg unerquicklich klein, beinahe rührend. Man trennt Müll, während anderswo die Weltlage verbrannt wird.
Warum sollten Menschen weniger fliegen, wenn Kampfflugzeuge mit großem Ernst durch den Himmel ziehen, unbeeindruckt von jeder Bilanz? Meine immer noch vorhandene Moral steht daneben und weiß nicht recht, wohin mit sich. Soll ich sie abbauen oder aufbauen? Gesund wäre weniger davon. Also doch mehr Nietzsche lesen.
Mit der wachsenden gesellschaftlichen Ungewissheit geht die Auslöschung der Unbestimmtheit einher. Sicherheit wird der Freiheit vorgezogen, ausdrücklich. Mehr Kontrolle wird verlangt, staatlich wie wirtschaftlich, und man bezahlt dafür sozial und ökologisch, die einen mehr, die anderen weniger. Ökologische und soziale Probleme werden nicht gelöst, sondern in die Zukunft verschoben. Die Kosten dafür werden beziffert. Selbst das wird gelissentlich überhört.
Die ungeliebte Ampel war vergleichsweise ein Segen: dilettantisch, aber motiviert. Wenig Ideen, viele Gesetze. Man regelt sich durch die Krise. Wo bleiben Bildungsimpulse, die mehr sind als Anpassung? Wo das Aufbegehren, das nicht sofort moderiert wird? Meine alte Aufregung ist schnell wieder da, samt ihrer bekannten Empörungsschäden, die inzwischen fast nostalgisch wirken.
113 Zwischenraum, Ökoton
Zwischenräume entstehen an der Grenze; zwei Räume und eine Linie dazwischen, als Rand. Später vielleicht wird daraus ein ästhetischer Spiel- oder Begegnungsraum, sofern man ihn nicht vorher zubaut oder neue Schilder aufstellt. Auch Grenzräume sind eingebettet: Himmel und Erde, Meer und Land – und dazwischen der Mensch oder andere Lebewesen, denen diese Unterscheidungen meist gleichgültig sind.
Auf El Hierro begegnet man ständig solchen Zwischenräumen. Sie drängen sich auf und werden doch gerne übersehen. Die sechs bis sieben Klimazonen, die Bodentypen, der Wechsel von Wald und Weide, die immer wiederkehrenden Blicke auf Himmel und Meer erden und erheben zugleich, sofern man sich darauf einlässt. Es gibt wenig Lichtverschmutzung und kaum Laubbläser. Dafür Wind, Alisio, Meeresrauschen – Geräusche, die nichts bedeuten und daher sinnlich überwältigen können.
Im ökologischen Diskurs nennt man solche Übergänge Ökotone. Zonen, in denen sich Verschiedenes überlappt: Ufer, Waldränder, Säume. Lebewesen können hier beides nutzen, ohne sich entscheiden zu müssen. Das Ökoton wird zu einem dritten Raum, artenreicher als seine Ränder, theoretisch leicht zu loben.
Unsere Veranda ist ein solcher Raum. Zwischen drinnen und draußen. Insekten und Vögel erscheinen, ohne Einladung. Andere menschengemachte Zwischenräume halten ihre Versprechen seltener. Doch an unseren Grenztrockenmauern stapeln wir Gestrüpp und Pflanzenreste. Sie zerfallen langsam, werden unordentlich und gerade dadurch konzeptlos bewohnbar – für Eidechsen und Vögel. Verwüstung, Vermüllung, Erosion sind die bekannten Gegenbilder. Zwischenräume zu vermehren wäre ein möglicher Imperativ eines anderen Lebens. Einer, der kein Interesse weckt. Dabei wäre Interesse selbst bereits ein Zwischenraum, ein seelischer.
114 Wo und wie möchte ich leben?
Ich möchte stimmiger, vielfältiger, wirklicher und weniger getrennt leben, ohne der Unbestimmtheit auszuweichen, auch wenn sie mir regelmäßig Unbehagen bereitet. Die unbestimmte Welt, ebenso wie meine entfremdete, oft hässliche Mitwelt, darf in mich hineinscheinen. Ich wehre mich zu oft dagegen, merke es, und mache trotzdem weiter. Die Unbestimmtheit schenkt andere Zustände. Nicht unbedingt bessere, aber solche, die mich weniger sicher machen. Genau das ist ihr Vorzug, vielleicht.
Was hier auf El Hierro manchmal gelingt – ein Schritt auf die Veranda, Vogelstimmen, Feigen –, könnte überall gelingen. Theoretisch. Praktisch brauchte es den Schmerz, des Bauens und des Misslingens. Gartenarbeit scheitert oft, Kochen weniger. Gegessen wird trotzdem. Im Essen verbinde ich mich mit dem Außen. Ich genieße das Gelungene und lege das Missglückte beiseite. Wohnen, essen und lieben sind Kernbestände meiner Existenz. Kann ich nicht einfach so wohnen, essen und lieben, wird mein Lebendigsein absterben. Und ohne Versöhnung mit der Wirklichkeit bleibt alles unerfreulich. Anders, beiläufig und dennoch versöhnt, so könnte mein Leben weiter gehen.
Seit zwei Enkel da sind und wir in Freiburg wieder bei zwei unserer Kindern wohnen können, wird mein Hiersein fraglicher. Nähe ist mein Glück, auch wenn sie müde macht. Tennis spielen, lachen, da sein – nichts davon ist nachhaltig oder tiefsinnig, aber es wirkt.
Das Motiv hat sich verschoben. War es früher das Fortgehen, ist es nun die Heimkehr. Nach drei Jahren Wohnungslosigkeit in Freiburg leben wir wieder in unserem Haus. Die Odyssee scheint beendet, vorläufig. Die Sirenen hatten mich einst fortgelockt, an den Rand Europas. Jetzt kann ich heimkehren.
El Hierro 3 – Rückkehr nach Freiburg
Das andere Haus – Fortsetzung
Seit zehn Jahren ist die Insel kein bloßer Ort, sondern ein Spiegel. Ich gehe zwischen Feigen, zwischen Wasserleitungen, zwischen Bäumen, und das andere Ich spürt sich im Tun: die Hände erden sich, die Füße spüren den Boden, die Augen suchen Licht und Schatten. Jede Handlung, so banal sie scheint – das Harken, das Heben, das Tragen der Früchte – wird zur Übung des Geringerwerdens. Das kapitale Ich ist präsent, zählt, wägt, erinnert sich an Freiburg, an Termine, an Ordnung, an Kontrolle. Das andere Ich lässt es stehen und arbeitet weiter, mit Erde, mit Holz, mit Luft.
Der Alltag ist paradox: Er verlangt Planung und Geduld zugleich. Wasserleitungen müssen halten, Feigen dürfen nicht überwuchern, die Erde braucht Ruhe. Und doch geschieht alles beiläufig. Nichts soll gehetzt sen, nichts erzwungen werden. Zwischen zwischen Hand und Wort, zwischen Tun und Nicht-Tun entsteht das andere Ich. Es ist klein, fast unmerklich, aber spürbar. Es lernt, dass Fortschritt nicht nur Wachstum ist, sondern auch Pflege, Aufmerksamkeit, Annahme.
Die Insel selbst korrigiert. Wind dringt durch Fenster, Kälte in die Räume, Mäuse suchen den Weg durch Mauerritzen. Alles will berührt, beachtet, akzeptiert werden. Das andere Ich lernt Gelassenheit – nicht als Haltung, sondern als Erfahrung im Körper, in der Haut, in der Bewegung. Es gibt kein großes Ziel, keinen übergeordneten Plan. Dafür Wahrnehmungen der Realität, wie sie ist. Das Leben hier zwingt zur unmittelbaren Begegnung mit dem, was ist, nicht mit dem, was sein sollte.
Manchmal sitze ich auf der Veranda, den Blick über den Feigenhain schweifen lassend. Das andere Ich fühlt sich hier zuhause, während das kapitale Ich sich an Berechnungen erinnert: CO2, Flüge, Verbrauch, Einsparungen. Die Zahlen existieren, doch sie drängen nicht. Sie stehen daneben, wie Gestelle oder Möbel, die fast ausgedient haben. Ich spüre das Tun, das Sein, die Luft, die Sonne, die Erde, die Bewegung der Hände – und alles andere wird leiser, langsamer, beiläufiger.
Und dennoch, Rückkehr nach Freiburg: Das andere Ich wird nicht einfach mitgenommen. Es hat gelernt, im Zwischenraum zu leben, in der Nähe von Natur, Zeit, anderen Menschen und sich selbst. Aber die Straßen, die Hektik, die Planbarkeit dort werden das kapitale Ich einfordern, wieder in Form zu bringen. Vielleicht wird nur ein Bruchteil bleiben, ein körperliches Echo, ein Atemzug inmitten der Normalität. Vielleicht bleibt es eine Erfahrung, die sich wie ein Schatten parallel mitbewegt, spürbar nur, wenn man innehält, die Hände von der Tastatur hebt, die Augen aufhebt, auf die Welt schaut. Und dann kann da noch der kleine Sprung sein, in die parallele Welt der Zwischenräume.
El Hierro ist weniger ein Ort als ein Prozess: Der Garten, die Veranda, das Haus, die Bäume, der Wind – sie lehren, dass Unbestimmtheit nicht Verlust bedeutet, sondern Tiefe, Nähe. Das andere Ich lebt in den kleinen Bewegungen, in der Geduld der Hände, in der Stille zwischen den Schritten. Kapital kann bleiben, aber Geringerwerden ist möglich – beiläufig, unaufdringlich, im Tun und im Schweigen.
Ende Oktober 2025
1 Feigenernte
Die Feigenernte ist zu Ende. Ich habe die meisten Früchte eingefroren, einen guten Teil getrocknet. Ein Viertel ist verschimmelt. Es stört mich kaum. Ich fülle etwa sechshundert getrocknete Feigen in Gläser und stelle sie in den Kühlschrank. Damit ist die Ernte vorbei.
Ich gehe jeden Tag durch den Garten. Es hängen noch einzelne Früchte in den Bäumen, einige versteckt unter Blättern, andere vergessen. Ich werde sie noch finden. Vermutlich noch eine Woche. Gleichzeitig reifen die Kakis, die Quitten, und die ersten Orangen lassen sich pflücken. Es ist diese Überlappung, dieses Nebeneinander der Jahreszeiten, die beruhigt. Nichts endet abrupt, alles gleitet ineinander.
Ich telefoniere mit Freiburg, mit zwei unserer Kinder. Dort ist der Herbst schon vorbei, der goldene Oktober ist seit Tagen nur noch Erinnerung. Die erste Grippewelle hat die Stadt erreicht. Es gibt Gründe, hier zu sein, sie werden weniger. Die Gründe, zurückzukehren, bleiben bestehen: Kinder, Enkel, Freunde, Ärzte. Sie leben dort. Sie kommen nicht hierher. Und so lebe ich in und zwischen zwei Welten, zwischen dem, was wir hier haben, und dem, was wartet. Ich gehe weiter durch den Garten, die Hände noch voller Feigen.
2 Haus und Garten
Die Sonne ist noch warm, hier oben etwa zwanzig Grad im Schatten. Sonntag. Die Sommerzeit ist in der vergangenen Nacht beendet worden. Dominique ist wieder da, und wir beginnen, Pläne zu machen. Für die kommenden Monate. Das alte Haus soll bis März fertig sein. Wir möchten ein paar Möbel ersetzen, den provisorischen Studentenlook loswerden, die Spuren des Übergangs verwischen, den Verdacht, wir wollten etwas darstellen, das wir nicht sind.
Im Garten gibt es noch vier Bäume zu pflanzen. Welche genau, bleibt offen. Zwei Avocados vielleicht, Dominique wünscht sich einen schnell wachsenden Baum am östlichen Rand. Franz hat uns eine Pomarosa und eine Pitanga geschenkt. Beide sollen sich hier oben wohlfühlen.
Die meisten Gedanken drehen sich um Wasser: Regenwasser, Abwasser, Leitungen, Zisternen, Schläuche, vielleicht ein kleiner Teich. Alles soll einfach sein, so einfach, dass andere es bedienen könnten, wenn wir nicht da sind. Im Sommer muss die Tröpfchen- und Handbewässerung funktionieren. Schwarzwasser darf nicht einfach verschwinden. Soweit zur Legalität. Der Kot gehört in den Posso, ich kompostiere meinen aus der Trenntoilette. Im Grunde sollte es irgendwann ohne uns laufen. Vielleicht in zehn Jahren. Was wir bis dahin tun, bleibt offen. Ob wir noch so oft kommen, ebenfalls.
In Freiburg ist all das geregelt. Dort denkt niemand darüber nach. Nur wenige, Aussteiger in Tiny Houses, haben andere Lösungen gefunden. Welche genau, weiß niemand so recht. Die Caravan- und Halbhippie-Fraktion scheint das Thema ohnehin für nicht weiter erwähnenswert zu halten.
3 Ruhe
Der Garten kommt langsam zur Ruhe. Die Blätter fallen, zuerst von den Feigen, dann von Pflaumen und Äpfeln, das Laub der Reben schon abgefallen. Hier oben in den Bergen liegt eine stille, fast überdeutliche Landschaft. Rinder, Schafe, Ziegen grasen, Hirten wandern durch die Höhen. Der Nebel ist noch nicht da. Morgens liegen die Wolken zweihundert Meter unter uns, am Nachmittag hoch über uns. Der Alisio, sonst fast immer anwesend, schläft seit Tagen.
Die Insel nennt sich isla de la tranquilidad, isla con alma. Viele Canarios schätzen das. Besonders Deutsche betonen die Entspanntheit, das Fehlen des ständigen Gegeneinanders. Seit Corona sei alles anders, sagen sie: Gaza, Ukraine, Wohnungspreise, Migration, Gender, Klima, Bildung, Infrastruktur – alles steht gegeneinander. Fakten gegen Gefühl, Vernunft gegen Kontrollverlust. Ruhe, Gelassenheit – vielleicht lässt sich das von hier nach Freiburg tragen, denke ich beiläufig, während ich durch den Garten gehe.
Der mediale Informations-, Gefühls- und Meinungsüberschuss verwandelt sich zunehmend in moralisches Bekenntnis. Einerseits widerstrebt mir das, andererseits könnte gerade jetzt demokratisches Engagement nötig sein. Wenn man eine Zeitschrift für politische und ökologische Kultur herausgibt, sollte man präsent sein, meint mein Verleger. Vielleicht gerade nicht. Wahrscheinlich wird die Zeitschrift eingestellt. Die Resonanz ist gering, selbst in Freiburg. Die Badische Zeitung hat andere Sorgen. AfD? Kaum eine Rolle dort in Freiburg.
4 Zhuangzi
Seit 2017 ist es mein Vorhaben, mein Kapitales Ich nicht nur zu mäßigen, sondern grundsätzlich geringer werden zu lassen. Während des Sabbath-Jahres versuchte ich es mit Zhuangzi, Thoreau, Benjamin, Whitman, Camus, Hölderlin. Doch große Autoren erzeugen große Gedanken, und große Gedanken verwandeln sich leicht in kulturelles Kapital.
Verlässlich wirkte allein die Natur: Wetter, Nicht-Wachsen, Scheitern, Schweigen, Sterben. Sie relativierten meinen humanistischen, anthropozentrischen Überschuss. Nicht-Gelingen wurde wichtig, Ungewissheit tragfähig. Unbestimmtheit statt Bestimmtheit. Immer deutlicher zeichnete sich der Unterschied zwischen dem normalen und dem anderen Zustand ab.
Die kleinen Wörter „oder“ und „statt“ erwiesen sich als hinderlich. Sie erzeugen Erwartungen. Vielleicht braucht es ein „und“. Oder gar nichts. Zhuangzi meint, der andere Zustand komme beiläufig. Ob er Bewusstsein braucht oder gerade dessen Abwesenheit, bleibt offen. Vielleicht helfen Enkel und Tennis mehr als Philosophie. Ich werde Zhuangzi im März mit nach Freiburg nehmen.
Bis dahin habe ich Zeit. Das Leben zwischen El Hierro und Freiburg scheint mir weiterhin möglich. Die Abkehr von Freiburg war zunächst hilfreich, mehr nicht.
5 Verletztlichkeit
Das andere Haus ist weniger ein Ort als eine Existenzweise. Und doch gibt es das Feigenhainhaus: ein Baumhaus mit Veranda, offen nach Osten und Süden. Die Tür steht oft offen, der Übergang nach draußen ist jederzeit möglich. Die Veranda wird zum Zwischenraum, zwischen Innen und Außen, Mensch und Natur, System und Umwelt. Das Dazwischensein wird zur Form.
Das Haus ist verletzlich. Wasser, Kälte, Mäuse dringen ein. Solange es nicht zu viel wird, ist es handhabbar. Zu viel Wasser ruft nach Kontrolle oder nach Ergebung. Beides fällt mir schwer. Ich lasse dann andere handeln, meist Dominique. Allein wäre ich vermutlich hilflos oder vielleicht auch nicht. Ich wüsste gern, wie Thoreau oder die Nearings solche Dinge geregelt haben.
Ich gehe kochen. Das gelingt. Feigen, Kaktusfrüchte, Salbei und Pfefferminze verfeinern das Essen. Der Garten hilft. Wie ein solches anderes Haus in Freiburg entstehen könnte, bleibt offen. Bauernhöfe und Wohnprojekte lassen sich nicht finden. Bleibt das Familienhaus, mit Terrassen und Seitenstreifen statt Garten. Vielleicht eine Parzelle in einer Kleingartenanlage.
6 Spiegel
El Hierro ist Ort und Spiegel. Ein konkreter Ort, an dem ein anderer Zustand erprobt wird. Natürlich lässt sich auch hier kapital leben. Gerade deshalb ist Vorsicht geboten. Und dennoch ist vieles anders: das Licht, die Freundlichkeit, die Stille. Vielleicht ist die Aura hier weniger verbraucht.
Das Kapitale Ich bleibt wirksam. Es will verbessern, wissen, sichern. Manchmal stellt sich Stimmigkeit ein. Dann wird es ruhig. Die Natur ist unser Schicksal, doch wir glauben lieber an Systeme. Alter, Krankheit, Sterben werden verdeckt. Hier nicht. Man sitzt zusammen, redet darüber, nimmt es hin. Migration wird ertragen. Viele kommen, wenige bleiben. Kein Lärm, wenig Ressentiment. Diese Insel kennt das Kommen und Gehen. Sie hat es überstanden.
Was es hieße, dieses „Es ist, wie es ist“ nach Freiburg mitzunehmen, weiß ich nicht. Vielleicht genügt es, Sisyphos nicht zu bemitleiden. Oder den alten Fisch ernst zu nehmen, der gegen den Strom schwimmt und weiß, was Wasser ist. Das Alte verschwindet dennoch. Sorten, Handwerke, Haltungen gehen verloren. Heute muss sich das Alte rechtfertigen. Wenn es verschwindet, kehrt es nicht zurück. So geht es, leise, im großen Strom der Zeit.
7. Schicksal
Das Kapitale Ich kann geringer werden. Vielleicht wird man man-selbst, wenn man sich der Natur, dem Anderen, nähert, wenn man lauscht, spürt, sich anschmiegt. Wenn man seinen Körper ernst nimmt, ernster als sein denken und Fühlen. Seit 2017 übe ich dies, und doch bleiben die Behauptungskräfte des KI stark: Immer will man es „besser“ machen, haben, wissen. All das dient nur der Selbstvergrößerung. Man muss es dan selbst wieder verringern. Anstrengend.
Die Natur ist unser Schicksal, doch die meisten glauben an gesellschaftliche Prozesse, nicht daran, dass Gesellschaft in der Natur wurzelt. Moderne Kulturen haben ihre höchsten Werte – Freiheit, Gleichheit, Sicherheit – über das Leben gestellt. Der Naturalismus, der Fatalismus, nimmt die Natur so an, wie sie ist: „Es ist, wie es ist.“ Ein Satz, den meine Mutter oft sprach: „Ich kann es ja eh nicht ändern.“ Camus’ Sisyphos ist hier ein glücklicher Mensch, Foster Wallace’ Fisch schwimmt gegen die Strömung und nimmt das Wasser an.
Auf El Hierro wird Alter, Krankheit, Sterben sichtbar und eingebunden in den Alltag. Die Naturgewalten, die Ernteausfälle, all das wird akzeptiert. Die Insel übersteht Migrationskrisen, Landflucht, wirtschaftliche Härten – gelassen, ohne Ressentiment, mit Wohlwollen für die Nachbarn. Deutsches Genörgel über die Insel zeigt nur den Maßstab der kapitalen Tugenden, nicht die Realität.
Was bedeutet es, dieses „Es ist, wie es ist“ nach Freiburg mitzunehmen? Vielleicht nur die leise Praxis der Gelassenheit, das Bewusstsein, dass man den Fels nie dauerhaft oben hält, dass der Lauf der Dinge unaufhaltsam ist. El Hierro zeigt, dass man in der Paradoxie leben kann: das Alte schwindet, Traditionen sterben, doch das Leben geht weiter – langsam, leise, unvermeidlich.
8. Kompost
Im Kompost zeigt sich nach Goethe und Heidegger das Dasein selbst: Erde, Humus, Ton – alles kommt hier zusammen. Naturgemäße Gartenarbeit heißt Arbeit am Boden, Arbeit am Boden heißt Kompostieren, Humus erhöhen, Leben bewahren. Um den Feigenhain gruppieren sich fünf Komposthaufen wie stille Zeugen eines Jahreskreislaufs. Regenwürmer, hart erkämpft, überleben, vermehrt in Plastiktonnen, geschützt im Winter, wieder angesiedelt. Ihre kleine Existenz spiegelt das Große: Bodenfruchtbarkeit, Lebensgrundlagen, Zukunft.
Hier, im Garten, zeigt sich der Sinn des Menschseins. In Freiburg könnte man einen Kleingarten pflegen, sich der Erde zuwenden, einen kleinen, greifbaren Beitrag leisten. Ein generationenübergreifender Bauernhof bleibt Wunschtraum; Humus aber lässt sich überall schaffen.
9. Die andere Zeit
Auf EH herrscht eine andere Zeit: zyklisch, langsam, manchmal mir zäh anmutend. Die Siesta von 13 bis 17 Uhr legt vieles lahm, sechs Stunden Arbeit genügen, der Rest des Tages gehört Ruhe, Essen, Tee, Schweigen. Chronos dominiert hier nicht allein; Kairos, Muße, das „einfach da sein“ bleiben spürbar. Das Leben richtet sich nach den Rhythmen der Natur, der Hirten, der Schafe, der Jahreszeiten. Schafschur, Feste, Rückkehr der Tiere – all das strukturiert das Jahr.
In Freiburg hingegen diktiert die lineare Zeit. Systeme, Arbeit, Leistung, Fortschritt, Medien – alles drängt, alles rennt. Doch es gibt Inseln: Tennis, Wald, Strausse, kleine Rituale, die erlauben, Zeit zu verlieren, beiläufig zu sein, einfach zu existieren.
Zeit, Raum und Sinn sind wie Boden, Wasser, Luft verwoben. Kultur ohne lebendige Verwebung wird Wüste. Auf EH wie in Freiburg gilt: Man kann die langsamen, beiläufigen Zeiten suchen, die kleinen Oasen, in denen man einfach ist. Das ist die Praxis des Geringerwerdens, das stille Üben, man-selbst zu werden.
10. Die andere Energie
Telefonat mit Lion. Masterarbeit, Biogas, grüne Energie, Öko-Institut Freiburg. Stolz, ein leiser Drang, alles besser zu wissen. Ist sein Professor der richtige? Ich recherchiere, halte den Zweifel in Schach, bleibe hoffnungsvoll. Transformationen sind nötig, alle müssen mitspielen, aber jede Logik zählt anders, alles muss sich rechnen. Die klügsten Köpfe versinken im Gemenge aus Geld, Macht, Technik. Dark factors, wieder da.
Auf EH das andere Bild. Wir erzeugen mehr Energie, als wir verbrauchen. Drei Viertel bleiben ungenutzt, Endesa uninteressiert. Pumpspeicherwerk zu klein, Nachbarn fahren Benzin, verbrennen Holz, Energie bleibt Luft. Erinnerungen an Madagaskar, Burundi, Nora. Überfluss, der ungenutzt bleibt. Bäume fallen, Wasser vergeudet, Lebensmittel zu Alkohol. Verzweiflung mischt sich mit Resignation. Erdöl, Banken, neue Bohrungen, kein Ende, nur leise Kipppunkte.
Belem, Weltklimakonferenz, kapitales System bleibt. Freund bei den Linken, ich kämpfe für mich. Freiburg: Überlegen, handeln, oder Wunde weiter tragen. Spannung zwischen Hoffen und Ohnmacht. Energie da, doch sie will nicht fließen. Wir könnten sie nutzen, wir könnten es anders machen, aber die Welt ist wie sie ist.
11. Die andere Schönheit
Schön ist, was gefällt. Man sagt es so, so einfach, als hätte Kant resigniert. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es. Und doch spürt man, dass sie mehr ist: eine Spur untergründiger Verbundenheit, eine Ahnung von Harmonie, die man nicht greifen, nur fühlen kann. Vielleicht teilt jeder Mensch unbewusst dieselben Muster, dieselben Bilder, Mythen und Triebe. Jeder kann eine eigene ästhetische Mythologie entwerfen, muss es sogar, um sich selbst Ausdruck zu verschaffen. Im Garten, im Haus, beim Schreiben, im Spiel – überall. Schillers „ästhetische Erziehung“ bleibt die Voraussetzung, Mensch zu sein, und doch stellt sich die Frage: Wie hängt das mit der Natur zusammen? Hat sie selbst eine Schönheit? Sie ist da, und wir erkennen sie, weil wir gelernt haben zu sehen, weil wir geübt haben, zu fühlen. Und so wird die soziale Ästhetik zu unserer eigenen, der Garten zu einem Ort, der wahr ist, weil er wirklich ist. Die Vielfalt darin macht ihn schön.
Unser Garten hier ist schön. Wild, erhaben, auratisch und geplant zugleich. Bestimmt und unbestimmt, einfach und komplex. Ich kenne nur einen Teil der Pflanzen. Gestern noch erklärte Martin, Waldökologe, welche Kräuter andere verdrängen, welche man bremsen muss, damit alles im Gleichgewicht bleibt. Auch die Feigenbäume wuchern, kleine Früchte, viele Triebe. Wir müssen Wege finden zwischen Gestalten und Lassen, zwischen Plan und Wildnis. Die Grundlage bleibt der Humus, die lebendige Erde. Sie zu mehren, ist die wahre, moralische Basis aller Schönheit.
Der Garten kann ein Kunstwerk sein. Ein Kunstwerk, das nicht reproduziert werden darf, dessen Aura zerstört würde durch Technik, durch Systematisierung, durch die Mechanik der Effizienz. In den gärtnerischen Monokulturen sieht man das täglich: Herbizide, Fungizide, Antibiotika, überzüchtete Pflanzen und Tiere. Das alles ist hässlich, zerstört Lebewesen, Vielfalt, Wildnis, Bachläufe. Wer darin Schönheit sieht, hat die Sinne verkehrt, denkt nicht ästhetisch, denkt nicht ethisch.
Die Sensibilisierung, die Empfindsamkeit, die Fähigkeit, sich auf die Natur, auf das Lebendige einzulassen, sie sind nicht käuflich. Sie lassen sich nicht erzwingen durch Gesetze, durch Preise, durch Kapital. Geld, Macht, Wissen – sie pumpen das Ich auf, deformieren Wahrnehmung, ersticken das Spüren. Es scheint fast aussichtslos, diese Sinne wieder lebendig zu machen. Und doch gelingt es, manchmal, in kleinen Gärten, in Landschaften, die nicht zerstört sind.
EH und Freiburg – zwei Welten. Auf EH atmet die Landschaft noch eigenständig, auratisch, wild und pyramidenhaft vertikal. Meer und Horizont fast überall sichtbar. Trotz Touristen, Aussteigern, Bananenfeldern, Ziegen, es gibt weite unberührte Flächen. Die Besiedlungsdichte: 44 Einwohner/km². In der BRD: 240. Baden-Württemberg, selbst nach grüner Regierung, 0,21% Wildnisanteil, EH in der Selbstbeschreibung 70%, offiziell: Landschaftsschutz. Doch die Aura bleibt. Die Schönheit ist da, fühlbar, greifbar, lebendig.
12. Andere Menschen
Besuche. Sie kommen angekündigt oder plötzlich, bleiben kurz oder lang. Dieses und nächstes Jahr werden Freunde, Kinder, Enkel zu uns kommen. Besuche sind etwas Wunderbares, und gleichzeitig eine kleine Prüfung, ein Test der eigenen Energie, der äußeren wie der inneren. Es ist, als würde man sich selbst beobachten, die eigenen Reserven spüren, die Sonne und den Himmel, die Stimmung im Haus.
Gestern noch eine Rundfahrt um die Insel, lang und anstrengend. Drei Personen, sieben Stunden, Autobatterie und Hausbatterie bis zur Neige. Heute nieselt es, die Batterien können sich nicht füllen. Und doch wollen sie warm duschen, essen, sich bewegen. Die Energie, die wir erzeugen, wird sofort wieder aufgesogen. Ich dachte daran, den Ökostrom von EH zu tanken, zu laden, doch die Ladestationen – alle außer Betrieb. Es war eine Insel des Wartens, des kleinen Ärgers, des improvisierten Handelns. Die Sonne kam zurück, die Batterien füllten sich, zehn KW, zehn KW, Ruhe kehrte ein.
Besuche auf EH sind anders als in Freiburg. Dort bewegen sich Besucher selbstständig, erkunden die Stadt, kaufen ein, besuchen das Münster, trinken Kaffee, essen zu Mittag – ohne uns. Hier aber nehmen sie Teil, nehmen die Insel auf, das autarke, naturnahe Leben. Ihre Erwartungen, ihre Impulse, ihre Hände und Füße verschlingen Energie, sie berühren die Strukturen unseres Alltags, die Batterien, die Wasserbehälter, die Küche. Und manchmal, wenn man selbst erschöpft ist, möchte man sich zurückziehen, in ein kleines Zimmer, in Stille.
Heute wieder, nach dem Ausflug und dem morgendlichen Nieselregen: Alles passt. Ich koche, langsam, liebevoll: Quitten-, Auberginen-, Paprika-Stew im Tuno-Saft, dazu Kartoffeln und Möhren-Tomaten-Salat. Es schmeckt, die Batterien sind voll, mein Herz auch. So einfach ist es. So komplex zugleich.
Besuche sind ein Test, ja, aber auch ein Geschenk. Sie zeigen die Grenzen, die Schwellen der eigenen Energie, der Geduld, der Freude. Sie zwingen, sich zu ordnen, Prioritäten zu setzen, zu improvisieren. Sie sind, auf EH, Teil des Alltags, Teil des Lebens. Und man kann lernen, darin einen Rhythmus zu finden, einen Fluss, der sich nicht allein in Kilowatt messen lässt, sondern in der leisen Wärme eines gemeinsamen Mittags, in dem das Essen schmeckt, die Sonne scheint und die Batterien wieder voll sind.
13. Das Gartenhaus
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Goethes Gartenhaus und eurem Haus, fragt der Besuch. Eine scheinbar einfache Frage. Man könnte eine KI fragen oder die üblichen Vergleiche bemühen: Goethe, Thoreau, Monte Verità. Rückzugsorte allesamt, Wohn-, Arbeits- und Lebensorte. Orte der Konzentration, der Absonderung, der Selbstprüfung.
Und doch liegt der Unterschied tiefer. Goethes Gartenhaus war ein Ort der Sammlung, der Aneignung von Wissen über Natur und Selbst. Das Subjekt sollte gestärkt werden, das moderne Ich sich seiner selbst vergewissern. Auch das Menschsein Goethes sollte dort Form annehmen: maßvoll, gebildet, klassisch. Winckelmanns stiller, edler Innenraum. Gediegenheit, Harmonie, eine kultivierte Nähe zur Natur, die sie zugleich auf Distanz hält.
Hier ist der Sinn ein anderer. Nicht Stärkung, sondern Reduktion. Nicht Zentrierung, sondern Dezentrierung. Das Veranda-Baumhaus auf Stelzen ist kein Ort der Selbstveredelung, sondern der Selbstrelativierung. Es geht darum, das Kapitale Ich kleiner werden zu lassen, es aus seiner anthropozentrischen Selbstgewissheit zu lösen. Nicht Erkenntnis als Besitz, sondern Wahrnehmung als Offenheit. Ein Ort der Selbstkritik, aber auch ein Ort, an dem das Ich sich zeitweise vergessen darf.
Gleichzeitig ist dieses Haus sinnlich, verletzlich, auratisch. Provisorisch. Winddurchlässig. Die Veranda als Zwischenraum, als Ort, an dem man nicht innen und nicht außen ist. Hier kann man-selbst von der Natur berührt werden, ohne es gleich zu benennen. Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied: Goethes Gartenhaus spiegelt den Innenraum seines Bewusstseins. Dieses Haus hier öffnet sich dem Außen, lässt es herein, unkontrolliert, manchmal störend, manchmal beglückend.
Seit letzter Nacht toben Sturm und Regen über die Insel. Bäume, Palmen, Feigen schlagen gegen das Haus. Die Veranda steht unter Wasser. Und doch schlafe ich tief, traumlos, wie ein Stein. Am Morgen geht der Sturm weiter, erst gegen Mittag zeigt sich wieder die Sonne. Das Haus hat standgehalten. Ein erster großer Test. Das alte Steinhaus dagegen zeigt eine feuchte Stelle, eine Schwäche, die wir noch nicht geschlossen haben.
In Freiburg scheint zur gleichen Zeit die Sonne, zwanzig Grad, in einer Woche soll der Winter kommen. Schnee auf dem Feldberg. Hier auf EH bleibt es mild, tagsüber zwanzig Grad, nachts zwölf. Der Besuch wird morgen abreisen, der nächste kommt eine Woche später. Benjamin im Dezember. Er will die Veranda erweitern, einen umlaufenden Balkon bauen. Vielleicht nicht gleich, vielleicht erst im kommenden Jahr.
Auch das passt zu diesem Haus: Es ist nie fertig. Es bleibt vorläufig. Ein Ort, der nicht abschließt, sondern offen bleibt – für Wind, Regen, Menschen, Gedanken. Ein Gartenhaus nicht der Vollendung, sondern des Dazwischen.
14. Der andere Garten
Garten und Natur sind für mich kein Gegensatz. Der Garten ist kein reines Kulturprodukt, auch wenn er fast immer so behandelt wird: gestaltet, geordnet, kontrolliert. Der andere Garten beginnt dort, wo diese Kontrolle zurückgenommen wird. Wo Wildnis zugelassen wird, Unordnung, Wachstum ohne sofortigen Zweck. Nimmt man den gestalteten und den natürlichen Aspekt zusammen, entsteht etwas Drittes: ein Hybrid. Ein Zusammenhang von Mensch und Anderem, ein Zueinander, das nicht auf Beherrschung beruht.
Goethe hat diesen Zusammenhang gekannt. „Warum ich zuletzt am liebsten mit der Natur verkehre, ist, weil sie immer Recht hat“, schreibt er. Der Irrtum liegt beim Menschen. In der Natur wird nichts verhandelt, nichts diskutiert, nichts entschieden – es geschieht. Das kommt Zhuangzi sehr nahe: Natur als Maßstab, nicht als Objekt. Seine Idee der natürlichen Transition meint genau das: nicht eingreifen, sondern mitgehen. Für den Garten heißt das hier: so viel Natur wie möglich, so wenig Korrektur wie nötig.
Der Garten auf EH ist durch das andere Haus ein anderer geworden. Vor allem durch die Veranda. Sie hebt den Garten aus dem Bodenhaften heraus, fügt ihm etwas Ätherisches hinzu. Luft, Licht, Bewegung. So wie das Baumhaus den Menschen vom Boden löst, löst die Veranda den Garten aus seiner bloßen Erdgebundenheit. Garten und Haus verschränken sich. Aus dem normalen Haus und dem normalen Garten wird die Idee des anderen Hauses und des anderen Gartens.
Wir leben auf der Veranda in einem Zwischenraum aus Luft und Sonne. Diese Form erweitert die Licht- und Lufthütten des Monte Verità um etwas Entscheidendes: den offenen Übergang. Kein Drinnen, kein Draußen. Licht und Luft werden verbindende Elemente zwischen Mensch und Natur, zwischen Haus und Garten. Terrassen, Stufen, Übergänge – alles ist Durchlässigkeit. Der Garten ist kein Gegenüber mehr, sondern ein Ineinander.
In Freiburg sind die Gärten meist anders. Durchdacht, gestaltet, abgeschlossen. Nutzpflanzen oder Zierpflanzen, Blumen oder Bäume – alles folgt Entscheidungen, Plänen, Vorstellungen von Ordnung. Wildpflanzen gelten als Unkraut, als Störung. Auf der Wonnhalde scheint alles gepflegt, fast geschniegelt. Der Garten zeigt dort weniger Übergang als Haltung. Weniger Offenheit als Kontrolle.
Der andere Garten hier hingegen ist tastend. Er weiß nicht immer, wohin er wächst. Und genau darin liegt seine Wahrheit.
15. Innerer Frieden, der Steg
Immer wieder ist man nicht im Einklang mit sich. Das gilt für Freiburg wie für EH. Der Ort allein trägt einen nicht. Auch hier nicht. Wenn ich mich bewege, wird es leichter. Bewegung bringt den Körper in ein Gleichgewicht, und wenn der Körper eine Balance findet, kommt der Geist manchmal von selbst zur Ruhe. Dann hat es die Seele leichter, sich einzufügen, ohne Anstrengung, ohne Vorsatz.
Nach der Siesta trinken Dominique und ich um vier Uhr Kaffee. Ein festes, kleines Ritual. Nach drei kühlen, regnerischen Tagen ist das Wetter heute wieder sonnig. Der Alisio weht kühl, aber freundlich. Wir setzen uns auf die windabgewandte Seite des Holzhauses, auf den Steg. Die Nachmittagssonne ist klar, wir sitzen im T-Shirt. Die Kaffeetassen und die kleine Espressokanne stellen wir zwischen uns auf die Planken. Auf einem Teller liegt Mandelgebäck und ein wenig bittere Schokolade, die Franz mitgebracht hat.
Unsere Beine baumeln vom Steg. Wir blinzeln in die Sonne. Kein mechanischer Laut ist zu hören. Ein Rotkehlchen singt, zwei Kanarienvögel antworten. Mehr nicht. Das Leben, der Ort, das Baumhaus – alles scheint für einen Moment still zu werden. Kleine Wolken ziehen langsam vorbei. Die Zeit dehnt sich, steht beinahe. Wir sitzen einfach da und sind da.
Danach gehen wir für zwei Stunden in den Garten. Pflanzen, gießen, schauen. Der späte Nachmittag legt einen matten Glanz über alles. Die Erde duftet. Die Hände wissen, was zu tun ist. Gedanken werden leiser.
Dass es unseren drei Kindern in Freiburg gut geht, trägt viel zu dieser Ruhe bei. Sie haben Arbeit, zwei von ihnen wohnen in unserem Haus in Günterstal. Kein drängender Gedanke zieht von dort hierher. Auch den Freunden geht es gut. Das Tennis läuft ohne mich weiter.
Nur manchmal dringt das Außen herein. Die Äußerungen von Friedrich Merz, über die sich alle aufregen. Nicht nur wegen der Halbrassismen, sondern wegen der Verschiebung des Sagbaren. Auch die Institutionen verschieben das Akzeptable. Palantir in der ZEIT, an der Goethe-Universität. „Ökologie“ scheint im öffentlichen Diskurs weitgehend erledigt, selbst auf der Klimakonferenz in Belém. Stattdessen empört man sich über Trump und nutzt weiter Facebook, Google, WhatsApp, als sei nichts.
Wenn ich beginne, zu sehr auf dem Laufenden zu bleiben, verliere ich den inneren Frieden. Das wäre in Freiburg der normale Gang der Dinge. Hier kann ich ihn manchmal unterbrechen. Für eine Stunde. Für einen Nachmittag. Auf dem Steg.
16. Das andere Kochen
In meinem Sabbatjahr habe ich viel gekocht. Für mich, täglich, frisch. Ich folgte Zhuangzi, den Prinzipien der Pflege des Lebens. Kein Ying-Yang-Daoismus, keine Lehre, sondern eine Haltung: einfach, beiläufig, naturnah, jahreszeitlich. Kochen als Teil des Lebens, nicht als Projekt. Essen als Form der Aufmerksamkeit. Diese Grundsätze habe ich damals stillschweigend auf das Leben im Ganzen übertragen.
Daran hat sich in den letzten sieben Jahren wenig geändert. Und doch ist jetzt etwas anders. Es geht nicht mehr nur um richtig oder gut, sondern um den anderen Zustand und das daraus hervorgehende andere Leben. Das zeigt sich auch im Kochen. Koche ich mit Zhuangzi oder mit Musil? Wenn man jahreszeitlich aus dem Garten kocht, ist vieles ohnehin anders. Aber das Musilsche Andere meint etwas anderes: die schwebende Einheit von Subjekt und Objekt, von Gesellschaft und Natur, von Bestimmtheit und Unbestimmtheit. Abstrakt gesagt. Zu abstrakt.
Beim Kochen heißt „anders“ für mich seit Kurzem: balanciert. Nicht mehr einfach Kartoffeln mit Spiegelei, nicht Nudeln mit Soße. Sondern süß und sauer, salzig und bitter, würzig und fett. Gerne Zitronenschalen, gerne Quitten. Ob umami und fett wirklich Geschmacksrichtungen sind, ist unklar. Ayurvedisch kommen noch herb und scharf hinzu. Balancieren heißt, diese Richtungen so zu kombinieren, dass sie sich entfalten können, ohne sich gegenseitig zu überdecken.
Dass Menschen balanciert leben sollten, liest man überall. In jeder KI-Übersicht. Dort dient es meist der Selbstoptimierung. Dagegen ist wenig einzuwenden, solange es humorvoll, selbstreflektiert und entspannt bleibt. Dass geistige, seelische und leibliche Gesundheit zusammengehören, ist längst ein Gemeinplatz. Und doch weiß man dadurch nicht, was das im Alltag heißt. Außer vielleicht: verstehbar, sinnhaft, handhabbar. Salutogenetisch eben.
Ob ich meine Welt verstehe, ihr Sinn abgewinne und sachgerecht handle, bezweifle ich. Selbst meine einfache Welt ist komplex und kontingent. In Freiburg mehr als hier auf EH. Diese gut klingenden Ideologien – Daoismus, Ayurveda, Salutogenese – versuche ich kochend, bauend, lebend zu üben. Vom Gelingen bin ich weit entfernt.
Morgen, Ende November, gehen wir mit Freunden in das einzige sehr gute Restaurant in Valverde. Ein Restaurant, das diesen Prinzipien folgt, zumindest behauptet. Ob es dort dann auch „anders“ im Musilschen Sinne ist? Und wie wird das nach der Rückkehr nach Freiburg aussehen? Ich hoffe, dass sich etwas mitnehmen lässt. Nicht als Rezept, eher als Geschmack.
17 Das andere Ich
Man begegnet täglich anderen Menschen, in Freiburg wie auf EH, und stellt sich dabei eine Frage, die sich nicht festhalten lässt: Sind sie hier anders, oder sieht man sie nur unter anderen Bedingungen? Die Menschen hier wirken fatalistischer, weniger überzeugt davon, dass sich Anstrengung immer auszahlt. Das irritiert viele Deutsche und Schweizer, die wir kennen. Vielleicht, weil hier weniger versprochen wird. Vielleicht, weil man lernt, mit dem zu leben, was bleibt.
Man spricht gern von Natur. Wahrscheinlicher ist Armut. Klima und Wetter sind spürbar, aber die Armut wirkt nachhaltiger. Wer Romane von und über EH liest – Sorimba, Die andere Sonne –, erkennt schnell, dass dieses Leben karg war: Krankheiten, Trockenheit, Jahre wie 1948, die nicht vergangen scheinen. Die Hirten- und Bauernkultur über 800 Meter war keine Idylle, kein Ort mit besonderem Licht oder besonderem Wind. Und doch wirkt alles intensiver: mehr Sonne, mehr Wolken, mehr Wind, mehr Vulkan. Das Leben tritt näher an den Körper.
Ob das mein Ich verändert, bleibt fraglich. Man bringt sich mit, seine Gewohnheiten, seine Bewertungen, seine alten Reaktionsmuster. Die dunklen Faktoren bleiben unter der Oberfläche und schwimmen weiter. Auch die Auswanderer, die wir treffen, sagen selten, dass die Insel sie verändert habe.
So stellt sich die Frage nach einem anderen, einem weniger kapitalen Ich. Entsteht es durch weniger Konsum, durch anderes Essen, durch Bewegung oder Nicht-Reagieren, durch Yoga, Meditation, Rückzug? Durch Vogelbeobachtungen auf der Veranda des Baumhauses, durch Kompost, Trenntoilette, Tiny House? Durch das Annehmen dessen, was ist, oder durch den Anderen, der einen spiegelt? Diese Fragen tauchen im Alltag auf, beim Gehen oder beim Abwasch, und verschwinden meist wieder, ohne beantwortet worden zu sein.
Eine Lösung gibt es nicht. Auch nach Jahren der Selbstbeobachtung hier und in Freiburg nicht. Trotz christlicher, anarchistischer, buddhistischer, alternativ-kommunistischer, anthroposophischer und ökosozialistischer Versuche – hier meist ohne andere. Was bleibt, ist das Experiment, die kleine Verschiebung der Lebensform. Ich werde älter und halte mich für erfahrener. Diese Einbildung stört mich und meine Familie. Du hast dich nicht verändert, sagen Freunde. Mmmh. Aber ich lebe doch im anderen Haus. Nur habe ich mich dorthin mitgenommen. So ist auch das andere Haus, unser kleines Baumhaus mit Veranda, allmählich wieder normal geworden.
Und dennoch gibt es dieses andere Ich. Es zeigt sich nicht als neues Selbst, sondern als Abfolge von Zuständen. Es spielt mich anders beim Tennis, beim Kochen, beim Wohnen. Ich werde älter, habe Enkel, und Schicksal und Zufall wirken weniger beleidigend als früher. Diese Zustände möchte ich vermehren. Sie werden mich ändern. Aber mein Sprechen bleibt gleich, und das irritiert mich.
Im März werde ich allein durch Marokko und Spanien nach Freiburg reisen. Ich frage mich, ob ich die kleinen Verschiebungen mitnehmen kann, die leisen Sprünge. Ob ich dort anders ankomme. Vielleicht langsamer. Vielleicht weniger sicher. Vielleicht einfach so wie immer – nur mit dem vagen Gefühl, dass etwas in mir gelegentlich anders liegt.
18 Das andere EH
Auch hier gibt es zwei El Hierros. Das kapitale und das geringe. Ich merke es meist unterwegs. Beim Einkaufen. Beim Vorbeigehen. Das kapitale EH zeigt sich im Bananen- und Ananasanbau, in den subventionierten Plantagen, im Superdino. Drinnen ist es kühl. Die Regale sind voll. Alles liegt bereit. Das andere EH liegt draußen. Kartoffeln, Feigen, ein paar Weinberge. Kleine Fischerboote. Werkstätten, in denen repariert wird. Orte, an denen man länger steht, weil jemand noch etwas sucht.
Am 1.12. sind die kleinen Läden geschlossen. Ich bemerke es erst nach und nach. Türen zu. Zettel an den Fenstern. Manifestación. El Hierro muere. Die neuen Regeln sollen 2026 kommen. Mehr Formulare, mehr Ordnung. Ich versuche mir vorzustellen, wie das im Alltag aussieht. Es gelingt mir nur teilweise. Ich spüre, dass es schwer werden wird.
Wir fahren nach Valverde. Ich stehe auf dem Platz, verlagere das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Einige Ladenbesitzer sind da. Ich erkenne sie an ihren Gesichtern. Man nickt sich zu. Es wird wenig gesprochen. Alle kleinen Läden bleiben den ganzen Tag geschlossen. Nur der Superdino ist offen. Als wir vorbeifahren, sehe ich Menschen mit Einkaufstaschen. Ich weiß nicht, ob sie zur Demo gehen oder nur einkaufen wollen.
Ich schaue mich um. Keine anderen Deutschen. Kaum Venezolaner. Keine Senegalesen. Auch niemanden von den politischen Gruppen, von denen ich dachte, sie könnten hier sein. Ich frage mich kurz, wo sie sind. Dann merke ich, dass die Frage keine Richtung hat. Vielleicht sind sie zu Hause. Vielleicht im Superdino.
Ich denke daran, jemanden anzusprechen. Ich spüre, wie ich es nicht tue. Mir fehlt ein Tonfall. Moralisch möchte ich nicht sein. Sachlich auch nicht. Ich bleibe stehen und höre zu. Jemand ruft etwas. Es hallt kurz zwischen den Häusern.
Später denke ich an die Idee, dass sich irgendwer für die kleinen Betriebe einsetzen müsste. Schäfer. Kleinbauern. Handwerker. Kleine Läden. Mir fällt keine politische Kraft ein. Auch keine, von der ich es erwartet hätte. Das andere EH scheint niemandem wirklich zu gehören. Es zieht sich zurück, langsam. Nicht als Ereignis. Eher als Bewegung, die man erst bemerkt, wenn man selbst stehen bleibt.
19 Jose, Prozession
Seit heute wird in die dicke Wand des alten Wohnzimmers ein großes Loch gehämmert. Einsfünfzig mal einsfünfzig. Ich höre es vom Baumhaus aus. Den Rhythmus. Das Metallische. Jose arbeitet den ganzen Tag. Er hämmert, schleppt die herausgebrochenen Steine beiseite. Große, schwere, vielleicht sechzig Kilo, dann wieder kleinere. Wir werden sie später für weitere Mauern im Garten nutzen. Ana-Zoe ist beeindruckt. „Ein echtes Steinhaus aus Natursteinen“, sagt sie, als wir ihr das Video nach Freiburg schicken. Ihre Stimme klingt kurz feierlich.
Jose sieht es nüchterner. Hundert Jahre alte Wand, sagt er, eine autopista für Mäuse. Einige fliehen, als das Loch größer wird. Er lacht dabei. Die Erneuerung des Alten geht ins zweite Jahr. Sie ist grob und sanft zugleich. Ich frage mich, wann sie abgeschlossen sein wird. Nächstes Jahr im März? Oder erst Ende 2026? Und was dann. Werden wir das Haus selbst nutzen oder es gleich den Kindern übergeben? Bleiben wir im Baumhaus? Reichen uns fünfundzwanzig Quadratmeter? Verändern sich Bedürfnisse, wenn man älter als siebzig wird? Ich weiß es nicht. Ich sehe Jose. Er arbeitet ruhig, pfeifend, freundlich. Er wirkt bei sich. Ich frage mich, ob er etwas vom alten EH verkörpert. Ob es dieses alte EH gibt, so wie man es in Sorimba liest. Oder ob ich es nur sehen will.
Gestern, Sonntag, 30.11. Wir sitzen im Baumhäuschen und essen zu Mittag. Es ist still. Dann hören wir Musik aus dem Dorf. Trommeln. Etwas Rhythmisches. Wir stehen auf, gehen los und geraten in eine Prozession. Der Schutzheilige von San Andrés, eine Statue aus dem 17. Jahrhundert, wird durch den Ort getragen. Tanz, Trommeln, Kastagnetten. Später Messe. Danach die Versteigerung von Erde aus Gemeindefeldern. Wir wussten nichts davon. Es wurde nichts angekündigt. Man weiß es einfach. Oder man weiß es nicht. Man kann das Folklore nennen. Oder Tradition. Hier lebt etwas Altes weiter. Auch hier sehe ich keine Deutschen.
Ich denke daran, wie leicht Dinge versiegen. Wenn kulturelle und soziale Quellen verschwinden. Wenn das Leben nur noch angenehm ist oder dem Einkauf im Superdino dient. Wenn wir Deutschen in unseren gut temperierten Häusern sitzen und renovieren lassen. Dann versiegt irgendwann auch die Quelle der Quelle. Die lebendige Erde. Nietzsche meinte, man müsse ihr zuhören, wenn man eine Zukunft haben wolle. Ich denke daran, ohne mir sicher zu sein, ob ich es richtig erinnere.
Mit Jose, mit der Prozession des heiligen Andrés, mit der Demonstration El Hierro muere ist diese andere Kraft noch da. Das andere EH. Noch wächst die Wüste nicht weiter.
20 Kalt und warm
Es gibt nicht nur die frühlingshaften Kanaren. Es gibt auch die rauen. Die Hitze und die Kälte. Den Nebel. Den kühlen Wind hier oben in den Bergen. Das alles gehört dazu. Wer es dauerhaft warm und sonnig haben möchte, lebt am Meer. Dort lebt man eher im Entweder-oder. Entweder es ist so, wie das eigene Ich es sich vorstellt, oder es ist falsch. Das Andere wird kleiner gemacht, beiseitegeschoben, abgewertet.
Die erste Kältephase des Herbstes geht gerade zu Ende. Mitte November wurde es merklich kühler, Anfang Dezember dann richtig kalt. Sechs Tage lang. Nachts neun Grad, tagsüber kaum mehr als zwölf. Das Baumhaus und die kleine Wohnung kühlten aus. Der KW-Eintrag lag zwischen fünf und zehn. Zu wenig für eine warme Dusche oder zum Laden des Autos. Kochen ging. Ein wenig Heizen auch. Man lebt anders. Ich merke, dass auch dieses Leben bejaht werden kann. Die Kühle und die Feuchte tun dem Garten gut. Man sieht es am Boden.
Plötzlich ist es wieder sonnig und halbwegs warm. Wir sitzen wieder auf der Veranda. Nach dem Vollmond ist alles anders. Der absteigende Mond hilft beim Baumschnitt, heißt es. Gestern, am 6.12., haben wir begonnen. Mein Übermut führte zu einer Art kleinem Baum-Massaker. Sechs Feigenbäume wurden gefällt. Bei sechs weiteren kappte ich die Krone. Vielleicht unnötig. Jetzt liegt alles auf den Wegen. Äste, Stämme, Blätter. Wir schneiden sie klein. Auch die Auslichtung in der Mitte und am Rand des Hains beschäftigt uns. Nach drei Tagen sieht der Garten verändert aus. Durchblicke sind entstanden. Das übermäßig Wilde ist reduziert. Das Ausufernde gemäßigt. Die Feigen bleiben. Sie sind geduldig.
Und gerade deshalb kommen Zweifel. Warum mache ich das nicht langsamer? Abgestimmter. Maßvoller. Warum diese Hauruckbewegungen? Was treibt mich dabei? Will ich nicht eigentlich mehr Wildheit im Garten? Der Feigenhain stellt diese Fragen selbst. Mit seinem Geflecht aus Bäumen und Schösslingen, mit seinem Wuchern. Wir müssen antworten, wenn er nicht große Teile des Gartens übernehmen soll. Die Frage nach der Natur ist hier die Frage nach Chaos und Ordnung. Nach ihrem Zueinandergehören. Nach dem Und.
Kalt und warm, Chaos und Ordnung sind Unterscheidungen. Meist werden sie als Oder gelebt. Das macht sie unfruchtbar. Das Und ist schwieriger. Es verlangt Zeit. Aufmerksamkeit. In Krisenzeiten scheint das Oder zu überwiegen. Entscheidungen werden hart getroffen. Konflikte nicht getragen, sondern entschieden.
Das Wuchern der Feigen, das Chaos der Natur verlangt maßvolle Antworten. Dabei lässt sich an mir selbst beobachten, welche Unruhe entsteht. Die Unbestimmtheit stellt eine Zumutung dar. Sie fragt nach Zugehörigkeit. Die Wärme hilft. Die Veranda hilft. Die Zwischenräume helfen. Sie mäßigen den eigenen Wunsch, alles verfügbar und kontrollierbar zu machen. Und manchmal reicht das schon.
21 Die andere Zufriedenheit
Es gibt die Glücksforschung, die eigentlich die subjektive Zufriedenheit misst. Raffelhüschen spricht von vier „G“: Gesundheit, Geld, Gemeinschaft, Genetik – Grad an Optimismus. Solche abstrakten Kapitalien helfen den Forschern, und sie prägen unser Bewusstsein. Die mediale Bewusstseinsindustrie sekundiert. Ob mein kapitales Ich davon genug hat, weiß ich nicht. Vielleicht eher nicht. Vielleicht irre ich mich.
Meine Zufriedenheit entsteht anders. In Zuständen des Zueinandergehörens. Beim Kochen und Essen, beim Gärtnern und Bauen, beim Lesen und Spielen mit Dominique – oder auch allein. Wenn es gelingt, widerstandsarm durch die Zwischenräume des Lebens zu gleiten, ohne zu kollidieren mit Dingen, Strukturen, Regeln oder Systemen, dann fühlt sich das gut an. Man könnte es romantisch ausdrücken: in den Zuständen der Liebe geht es mir gut. Aber auch ohne die große Liebe, nur im leisen Anwesendsein, reicht es.
Man kann nicht immer lieben. Man kann nicht immer Zugehörigkeit spüren. Aber wenn man sich in die Unbestimmtheit der Phänomene versenkt – in Landschaften, Menschen, Situationen –, wenn die lineare Zeit im Sosein verschwindet, dann spürt man sich selbst, zugehörig, bei sich, beim anwesenden Anderen. Alles ist leicht, unaufdringlich. Kein Ziel, keine Absicht, nur Sein.
Seit zweieinhalb Monaten arbeiten wir am Feigenhain. Er schenkt, was wir brauchen. Das Einfrieren, das Trocknen der Früchte, das Auslichten der Schösslinge, das Betrachten der Wipfel von der Veranda oder durch die Glasfront unseres kleinen Holzhauses, das Umgehen des Hains – alles wirkt wie ein leiser Rhythmus, ein Geben und Nehmen. Die Zufriedenheit ist spürbar, die Harmonie ebenso. Meine Unruhe, die noch im Garten zu spüren war, ist verschwunden.
Ich bewundere das wilde und stoische Wesen der Feigenbäume. Ihre Wunden werden heilen. Ich werde in den nächsten Jahren kaum eingreifen, vielleicht nur einzelne Zweige herausnehmen. Der Hain wird weiterwachsen, im eigenen Rhythmus, und ich werde still danebenstehen, beobachten, mich zugehörig fühlen, leise, unaufgeregt, zufrieden.
22 Das andere Ich im Alltag
Das andere Ich zeigt sich beim Schneiden der Feigenzweige, beim Sortieren der Früchte, beim Stapeln von Holz oder beim Kochen in der kleinen Küche. Es zeigt sich, wenn ich das Messer in der Hand halte, die Wärme des Herdes spüre, das Holz knackt, wenn ich die Äste zerlege. Jeder Handgriff, jedes Beobachten des Schattens, der sich über den Garten legt, wird zu einem Ankerpunkt, an dem das Ich sich selbst spürt – weniger kapital, weniger abstrakt, mehr präsent.
Beim Gießen der Pflanzen spüre ich die Kühle des Wassers, den Widerstand der Erde unter meinen Händen. Das andere Ich erkennt sich in der Geduld der Bäume, im langsamen Wachsen, in den Schwingungen des Windes. Es spielt mit der Unbestimmtheit, bemerkt die Vögel, die vorbeifliegen, den Staub, der auf der Veranda liegt. Es gleitet durch die Zwischenräume, ohne alles kontrollieren zu müssen. Die Handlungen selbst werden zur Übung, zum leisen Training des Zueinandergehörens von Selbst, Welt und Anderen.
Auch beim Essen spürt es sich. Beim Schneiden der Tomaten, beim Rühren im Topf, beim Sitzen auf der Veranda, während Dominique neben mir liest oder spielt. Kein Gedanke an Gewinn, kein Streben nach Perfektion, nur das Tun, das Sein, das Wechselspiel. Das andere Ich ist hier weniger, einfacher, spürbarer. Es fließt durch den Körper, wenn ich die Arbeit beende, die Schüsseln abräume, die Erde von den Händen wische.
Selbst im Sitzen, im Blick auf die Hügel oder den Feigenhain, zeigt es sich. Die Hand ruht auf dem Holzgeländer, der Wind streicht über die Haut, die Sonne fällt auf die Wipfel. Ich spüre mich zugehörig, nicht als Besitz oder als Kontrolle, sondern als Teil des Geschehens. Das andere Ich lebt in diesen kleinen Übergängen, zwischen Tätigkeit und Ruhe, zwischen mir und der Welt, zwischen mir und Dominique.
Es ist leise, kaum zu greifen, und doch spürbar. Es reduziert das Kapital in mir, nicht als Verlust, sondern als Gewinn von Nähe, von Wahrnehmung, von Schwebe. Die Hände arbeiten, der Körper beobachtet, das Herz spürt. So lernt das andere Ich, im Alltag zu sein – zwischen Tun und Sein, zwischen Selbst und Welt, zwischen Jetzt und dem, was bleibt. Man kann manselbst werden.
23 Kurze Rechtfertigung an meine Kritiker
Meine Freunde sind kritisch. Das ist gut, weil es meine Selbstkritik spiegelt, denke ich mir. Und dennoch nagt das alles.
Man kann es am CO2- und Naturverbrauch zeigen. Die Kategorien sind klar: Verkehr, Ernährung, Konsum – Textilien, Elektronik, Möbel –, Heizen und Energie, Abfall, Teilnahme an der allgemeinen Infrastruktur, Straßen, Gebäude, Leitungen. Alles lässt sich messen, zählen, zusammenrechnen. Alles ist irgendwie übersichtlich.
Auf El Hierro verbrauchen die Menschen durchschnittlich fünf bis sechs Tonnen CO2 pro Kopf, in Deutschland zehn Komma fünf. Unser Verbrauch in Freiburg, mit Geothermie, Ökostrom, E-Mobilität, Fahrrad, wenig Fleisch, wenig Konsum, kaum Abfall, liegt bei sechs bis sieben Tonnen. Auf El Hierro höchstens zwei bis drei. Der Garten mit seinen 130 Bäumen zieht etwa eineinhalb bis zwei Tonnen pro Kopf ab. Macht auf El Hierro vielleicht ein halbes bis eine Tonne CO2 pro Kopf. Alles gerechnet, abgezogen, hochgerechnet. Energetisch genügsamer geht es kaum.
Der kritische Punkt ist die Reise. Hin und zurück. Der Freundeskreis reagiert darauf. Direktflug: etwa eine Tonne CO2 pro Kopf. Flug nach Sevilla, dann Zug: null Komma drei bis null Komma vier. Wenn ich nur in Freiburg lebte, wären es sechs Tonnen. Lebe ich halb hier, halb dort, kommt rechnerisch drei Tonnen in Freiburg plus vielleicht eine Tonne auf El Hierro zusammen. Es beruhigt ein wenig. Das schlechte Gewissen, die Flugscham – relativiert.
Das andere Leben ist nicht nur subjektiv. Es wird durch Zahlen, durch Daten bestätigt. Nicht nur der Feigenhain, der Garten, das andere Haus. Auch die Selbstversorgung mit Energie, das einfache Leben, die Wintermonate hier – alles zusammen ergibt Sinn. Sinnvoller wäre ganz hier zu leben, das weiß ich. Aber auch so: Unser Leben hier schadet weder Klima noch Natur. Immerhin. Ob es dadurch glücklicher wird, bleibt offen. Es ist gesünder, naturnäher, langsamer, weniger medial.
Die Zahlen hinterlassen einen schalen Beigeschmack. Sie sind technisch, instrumentell, das Denken eines ökologischen Homo Fabers. Man rechnet, schaut, streicht durch, legt beiseite. Das Ich fühlt sich entlastet, das kapitale Ich des Besserwissens wächst ein wenig. Es ist merkwürdig. Man kann die Zahlen kennen und dennoch weitergehen, wie zuvor, als sei nichts geschehen. So bleibt die Praxis – das andere Ich – unverrückbar in der Nähe. Und ein kleiner Sprung nach El Hierro genügt.